Niemand will es gewesen sein. Eine ältere Dame, die ihren Terrier in der Grünanlage vor dem imposanten Rathaus ausführt, findet zwar, man müsse dem «Neuen» eine Chance geben. Das soll aber nicht heissen, dass sie dem Front-National-Kandidaten Cyril Nauth die Stimme gegeben hätte. Ein unrasierter Kunde des Bistros «P’tit Bar» ärgert sich über die plötzliche Bekanntheit des Ortes 50 Kilometer westlich von Paris: «Wir sind doch nicht alle Rassisten geworden!»

Die 20 000 Einwohner von Mantes-la-Ville haben ihre Geschicke Ende März den Rechtsextremen anvertraut. Es ist eine von elf Gemeinden, die der Front National bei den Kommunalwahlen eroberte. So gesichtslos wie die Wählerschaft ist der Ort: Von der Normandie-Autobahn zerschnitten, hat er ein undefinierbares Stadtzentrum, wo die Crêperie seit langem leer steht und ein orientalischer Coiffeur mit 5-Euro-Tarifen lockt. Die einzigen Hochhäuser finden sich am Stadtrand, in der obligaten Wohnblocksiedlung für Einwanderer mit dem romantischen Namen Les Merisiers (Die Kirschbäume).

Genau diese Randzone spielte eine wahlentscheidende Rolle. Im Arbeiterort Mantes hatte seit dem Krieg die Linke regiert. Bei den Gemeindewahlen leistete sie sich jetzt sogar den Luxus, mit zwei Kandidatinnen anzutreten. Der lachende Dritte war Cyril Nauth vom Front National: Der 32-jährige Französisch-Lehrer gewann die Wahl mit 30,3 Prozent und bloss 61 Stimmen Vorsprung auf die sozialistische Amtsinhaberin Monique Brochot. Brochot, die sich nach eigenen Worten immer noch nicht von dem Wahlschock erholt hat, ruft nun ein Wachsamkeits-Komitee ins Leben, «um die Bevölkerung zu informieren, was sich im Rathaus tut». Als Erstes hat der neue Stadtrat alle kommunalen Subventionen um 20 Prozent gekürzt, um die Gemeindefinanzen wieder ins Lot zu bringen.

Nauth geht vorsichtig zu Werk. Schweinefleisch liess er bisher nicht auf das Menü der Schulkantinen setzen. Auch andere FN-Bürgermeister beschränken sich auf symbolische Massnahmen: Villers-Cotterêts streicht den jährlichen Gedenktag zur Abschaffung der Sklaverei; Fréjus holte die europäische Flagge vom Rathaus und beliess nur die französische. Für Schlagzeilen sorgten hingegen Le Luc und Cogolin in Südfrankreich, wo sich die Bürgermeister in Abkehr von ihren Wahlversprechen zuerst einmal eine Gehaltserhöhung zugestanden.

Ist das politisch extrem? «Wir sind keine Faschos, auch keine Nazis», sagt Cyril Nauth mit seiner tiefen, noch etwas unsicheren Stimme. Und als wäre der Lehrer selber ein folgsamer Schüler der Parteichefin: «Marine Le Pen toleriert von uns Bürgermeistern keine Fehler. Sie will, dass wir tadellos sind. Wir werden es sein.»

Angesagt ist kommunalpolitische Salonfähigkeit: Das soll die Wahlchancen der Parteichefin bei den Präsidentschaftswahlen 2017 erhöhen. Auch Mantes-la-Ville ist laut Le Pen ein «Schaufenster» seriöser FN-Verwaltung, bestehend aus tieferen Lokalsteuern und stärkerer Polizeipräsenz.

Davon haben die Manteser allerdings noch nichts gesehen. Das Immigranten-Viertel Les Merisiers ist ohnehin eine «prioritäre Sicherheitszone», 2012 von der Linksregierung in Paris eingerichtet. Die Gemeindepolizei hat dazu nichts zu sagen. «Der Front National kann die Gesetze hier nicht ändern», beruhigt sich der maghrebinische Kassier im Supermarkt Coccinelle (Marienkäfer). «Auch die Moschee wird er nicht verhindern.»

Alles dreht sich in Mantes um die «Moschee», die in Wahrheit ein blosser Gebetsraum für die muslimische Gemeinschaft der Stadt ist. Ex-Bürgermeisterin Brochot hatte 2013 einen Kaufvertrag für einen grossen Saal unterzeichnet. In der Folge sollte ihn die Gemeinde an den moslemischen Lokalverein weiterverkaufen. Das ist aber bis heute nicht geschehen. Der kommunale Schatzmeister hatte Ende 2013 finanzielle Einwände. Danach fand er, der hauptberuflich als Arzt in Les Merisiers praktiziert, die Reifen seines Autos zerstochen vor. Das bewirkte im Stadtrat die Spaltung der Linken. Bei den Wahlen profitierte dann der wenig profilierte FN-Kandidat Nauth.

Und für ihn ist die «Moschee» ein rotes Tuch. «Wir werden sie mit allen politischen und juristischen Mitteln zu verhindern versuchen», sagt Nauth. Dass die Muslime als einzige lokale Glaubensgemeinschaft über keinen spirituellen Treffpunkt verfügen, kümmert ihn nicht. Dabei ersuchen die Muslime seit 26 Jahren darum; auch für die Finanzierung kämen sie auf. Der neue Bürgermeister will nicht. Aus Prinzip – FN-Prinzip.