Als diesen August 62 Laufburschen-Stellen in der Polizei-Verwaltung des indischen Gliedstaats Uttar Pradesh ausgeschrieben wurde, wurde das Büro der Auswahlkommission von einer wahren Flut von Bewerbungen überschwemmt. 93'500 Arbeitsuchende wollten für rund 270 Franken monatlich mit dem Fahrrad Nachrichten zwischen Polizeirevieren hin- und her-transportieren.

Obwohl man für den Job nur die 5. Klasse abgeschlossen haben musste, hatten 78'000 der Bewerber einen Hochschulabschluss, 3700 sogar einen Doktortitel. Der enormen Überqualifizierung der meisten Aspiranten begegnete Polizeidirektor Pramod Kumar Tiwari mit Langmut.

Ein promovierter Laufbursche werde dem Niveau der Polizeiarbeit sicherlich nicht schaden, sagte Tiwari der Zeitung «India Today». Man werde allerdings einen Test durchführen, um Kandidaten auszuwählen, die tatsächlich Rad fahren könnten.

Steigender Druck auf dem Arbeitsmarkt

Ein solch massenhafter Andrang auf offene Stellen ist in Indien nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Als Ende März die Bewerbungsfrist für 90'000 neu geschaffene Stellen bei der staatlichen Eisenbahn ablief, hatten sich sage und schreibe 28 Millionen Inder auf die Positionen als Lokführer, Elektriker, Schaffner und Gepäckträger beworben. Der Run auf freie Arbeitsplätze ist auf den wachsenden Druck auf dem indischen Arbeitsmarkt zurückzuführen: Trotz des hohen Wachstums von derzeit mehr als 7 Prozent hat der Subkontinent Schwierigkeiten, allen seinen Bürgern Jobs zur Verfügung zu stellen.

Der Grund: Die indische Bevölkerung wächst immer noch in rasantem Tempo. Knapp 1,4 Milliarden Menschen leben bereits zwischen dem Himalaja und den Stränden des Indischen Ozeans. Trotz sinkender Geburtenraten wird Indien laut den Vereinten Nationen seinen Nachbarn China bereits 2024 als bevölkerungsstärkstes Land der Welt ablösen und 2056 Heimat von etwa 1,7 Milliarden Menschen sein.

Im Gegensatz zu dem alternden Rivalen China ist Indien ein extrem junges Land. Kinder, Schüler und Studenten dominieren überall das Strassenbild. Das Durchschnittsalter liegt bei 25 Jahren. Mehr als 600 Millionen Inder, die Hälfte der Bevölkerung, sind jünger als das.

Ökonomen schreiben so jungen Gesellschaften eigentlich viele positive Eigenschaften zu: Sie gelten als optimistisch, fortschrittlich und dynamisch, bieten reichlich Arbeitskräfte und kauflustige Konsumenten. Wenn der Bevölkerungsanteil im arbeitsfähigen Alter höher ist als der Anteil derer, die von arbeitenden Angehörigen abhängig sind, gilt das erst einmal als Wettbewerbsvorteil, als sogenannte demografische Dividende.

Doch diese Dividende kann nur einstreichen, wer die Jugend in Lohn und Brot bringt. Und das ist genau das Problem, an dem Indiens Erfolgsstory scheitern könnte, sagen Volkswirtschaftler. Jeden einzelnen Monat drängen über eine Million junger Schulabgänger frisch auf den indischen Arbeitsmarkt.

Selbst während des jetzigen Booms kommt die Wirtschaft des Landes nicht damit hinterher, im gleichen Tempo Jobs zu schaffen. So verdoppelte sich die Arbeitslosenquote in den vergangenen 18 Monaten und lag in diesem Sommer bei über 6 Prozent. 31 Millionen Inder sind derzeit auf der Suche nach Arbeit – und das sind nur die offiziellen Zahlen.

Die Heerscharen, die sich mangels fester Anstellung mittels Gelegenheitsjobs über Wasser halten, die ihre Familien durchbringen, indem sie tageweise auf dem Bau oder auf dem Feld ein paar Franken verdienen, sind in den Statistiken nicht aufgeführt.

Vor diesem Hintergrund ist die Episode aus dem August, als sich Zehntausende Akademiker um einen Laufburschen-Job bewarben, nicht mehr kurios, sondern alarmierend. Die State Bank of India mahnte kürzlich, das Ziel, zu den Industriestaaten aufzuschliessen, könne schnell unerreichbar werden, wenn Indien es nicht schaffe, der nachdrängenden Jugend Arbeit zu geben. Das Bevölkerungswachstum drohe sich zur Zeitbombe zu entwickeln, warnte der Chefredakteur der renommierten «Hindustan Times» kürzlich.

Sanjoy Narayan sagte Unruhen in den Städten voraus und warnte, dass Kriminalität und Gewalt um sich greifen könnten, wenn die aufstrebenden Massen keine Chance sähen, ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Solche Sorgen sind nicht unberechtigt: In den vergangenen Monaten kam es mehrfach zu gewalttätigen Aufständen von unterprivilegierten Kasten.

Grossteil ist ungeeignet für Facharbeiterstellen

Neu-Delhi ist sich seines demografischen Problems durchaus bewusst: Bereits vor seiner Wahl 2014 versprach Premier Narendra Modi, mit einer gross angelegten «Make in India»-Kampagne ausländische Unternehmen ins Land zu locken und so zehn Millionen neue Jobs pro Jahr zu schaffen. Dieses Ziel wurde jedoch deutlich verfehlt: Zwar wurden beispielsweise in den sechs Monaten von November 2017 und April 2018 laut Regierung 2,2 Millionen Stellen geschaffen, was in jedem anderen Land als Erfolg zu verbuchen wäre.

Doch angesichts der stetig anschwellenden Nachfrage in Indien ist das nicht annähernd genug. Bei seinen Bemühungen, Arbeitsplätze zu schaffen, so seine Wähler bei Laune zu halten und 2019 wiedergewählt zu werden, stösst Modi auf enorme Hindernisse: Die allgegenwärtige Korruption und überbordende Bürokratie lähmen seine Reformprogramme.

Das äusserst strenge Arbeitsrecht schreckt ausländische Investoren ab. Noch immer dümpelt Indien auf dem Ease-of-Doing-Business-Index der Weltbank auf einem schlechten Platz 100. Dann sind da strukturelle Probleme: Die allermeisten Stellen, die in der verarbeitenden Industrie und im Service-Sektor entstehen, setzen eine gewisse Qualifikation voraus – eine Qualifikation, die das Gros der jungen Inder nach wie vor nicht hat.

Sieben von zehn Indern wachsen auf dem Land auf und erhalten in meist beklagenswerten schlechten Dorfschulen nur eine rudimentäre Bildung. Sie sind nicht dazu geeignet, die entstehenden Facharbeiterstellen zu besetzen.

Dubiose Uni-Diplome

«Ohne eine grundlegende Reform des Bildungssystems wird Indien nicht in der Lage sein, seinen Kindersegen in dauerhaftes Wachstum und bessere Lebensqualität für seine Bürger umzumünzen», sagt Sanjay Srivastava, Soziologe an der University of Delhi. Damit Indien nicht zurückfalle, müssten nicht nur die Schulen besser werden, auch in den Köpfen müsste sich einiges ändern.

«Das Problem ist, dass manuelle Arbeit im Kastensystem Indiens einen extrem niedrigen Status hat», sagt Srivastava. Wenn Eltern sich eine Ausbildung für ihre Kinder leisten könnten, dann griffen die meisten nach den Sternen: «Alle wollen, dass Sohn oder Tochter Arzt oder Ingenieur wird.»

Private Unis, die für viel Geld zweifelhafte Studiengänge anböten, machten diesen Traum zwar möglich. Doch solche Hochschulen brächten Abgänger hervor, die nur dem Namen nach Akademiker seien. «Sie können nichts Brauchbares und können froh sein, wenn sie den Job als Laufbursche bekommen.»