«Pegida gibt Lügenpressekonferenz»: Diesen Titel konnte sich die Redaktion von «Spiegel online» gestern dann doch nicht verkneifen. Seit Oktober hatten die «Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes» gegen die «Systemmedien» gewettert. Mit Journalisten reden wollten sie aber nicht. Das hat sich nun geändert.

Pegida-Chef Lutz Bachmann (42) nahm sich schon bei der letzten Pegida-Demonstration vor einer Woche eine Stunde Zeit, um mit den ausländischen Medien zu reden. Am Sonntag wagte sich Kathrin Oertel (36), die Sprecherin von Pegida, in die Talkrunde von Günther Jauch bei der ARD. Und am Montag traten beide in Dresden vor die Medien, um zu der wegen konkreter Terrorgefahr abgesagten Demonstration Stellung zu nehmen.

Die Medienerfahrung fehlt ihr

Kathrin Oertel ist die aufstrebende Figur in der rechten Protestbewegung. Monatelang galt Bachmann als der eigentliche Pegida-Frontmann. Doch nachdem die Medien Bachmanns kriminelle Vergangenheit offen gelegt hatten, brauchte es ein neues Gesicht. In der von Männern dominierten Pegida-Führungsriege trat mit Oertel plötzlich eine Frau ans Rednerpult. Und sie machte kräftig Stimmung, schimpfte gegen die Kanzlerin und wetterte gegen Asylmissbrauch.

Wenig wortgewandt: Kathrin Oertel an der Pegida-Medienkonferenz zur Absage der Demonstration am 19.01.2015

«Wir lassen uns nicht mundtot machen»: Pegida-Medienkonferenz zur Absage der Demonstration am 19.01.2015

Wortgewandt tut sie das allerdings nicht. Es ist spürbar, dass Oertel – Mutter von drei Kindern – über keinerlei Medienerfahrung verfügt. Auch eine grosse Rhetorikerin ist sie nicht. Bei den Pegida-Demos liest die zumeist in einen schwarzen Mantel gehüllte Oertel konzentriert von einem Zettel ab, den Augenkontakt zum Publikum sucht sie dabei kaum. So auch am Sonntag in der Sendung bei Günther Jauch, als sie sich mit einem Spickzettel behelfen musste. Oertel punktet bei den Pegida-Anhängern weniger mit geschliffenen Worten, als mit Sätzen wie: «An erster Stelle müssen nationale Interessen stehen.» Oder mit seltsamen Vergleichen: «In Südafrika gibt es mehr Moscheen als Kirchen.»

Oertel stammt wie Lutz Bachmann aus der nordwestlich von Dresden gelegenen Kleinstadt Coswig, wo sie noch heute lebt. Die beiden kennen sich seit Jahren. Ihr Geld verdient sie als Wirtschaftsberaterin. Deshalb fungiert sie bei Pegida – inzwischen als Verein registriert – auch als Verwalterin des Vermögens. Früher, bekannte Oertel in Jauchs Talksendung, habe sie stets FDP gewählt. Doch bei der letzten Bundestagswahl habe sie ihre Stimme der Alternative für Deutschland (AfD) gegeben.

80er-Jahre-Stil

Spötter haben ihr schon den Spitznamen «Zonen-Gabi» verpasst – eine Anspielung auf das äussere Erscheinungsbild der Menschen in der damaligen DDR. Ihre platinblonden, dauergewellten Haare, die auffällig braun nachgezeichneten Augenbrauen und ihre Kleiderwahl erinnern tatsächlich bisweilen an die frühen 1980er-Jahre. Dazu hat Oertel einen stark sächsisch geprägten Zungenschlag.

Dass sie politisch rechts steht, steht ausser Frage. Auf Facebook hat sie Thilo Sarrazin («Deutschland schafft sich ab»), die als konservativ bis rechtsextrem geltende Wochenzeitung «Junge Freiheit», die Seiten «Gegen Asylbetrug und Überfremdung» oder «Ich bin Patriot, aber kein Nazi» mit «gefällt mir» markiert. Richtet sie auf ihrer Facebook-Seite das Wort an Pegida-Kritiker, verwendet sie dazu gerne die Einleitung «liebe Gutmenschen». Viel mehr allerdings ist über die Pegida-Sprecherin nicht bekannt. Sie hält sich bedeckt, Privates gibt sie kaum preis.

Vermutlich entspricht Oertel ganz dem Durchschnitt der Pegida-Anhänger. Die Technische Universität Dresden (TU) ist in einer Untersuchung zum Schluss gekommen, dass bei Pegida vor allem eine gut gebildete, berufstätige Mittelschicht mitmarschiert. Das Gros der Teilnehmer schliesst sich dem Protestzug nicht in erster Linie aus Ablehnung des Islam an, sondern aus purer Unzufriedenheit mit der Politik.

Eine am Montag veröffentlichte, allerdings nicht repräsentative Studie des Göttinger Instituts für Demokratieforschung bestätigt dieses Bild. Vor allem Männer zwischen 35 und 55 Jahren fühlen sich von Pegida angesprochen, 35 Prozent der befragten Teilnehmer verfügen über einen Universitäts- oder Hochschulabschluss.

Frustriert ist sie nicht

Offenbar treibt die meisten eine generelle Unzufriedenheit mit den politischen Zuständen um. Gerade einmal acht Prozent geben an, sie seien mit der aktuellen Lage im Land zufrieden. Bundespräsident Joachim Gauck und Kanzlerin Angela Merkel, die EU und die öffentlich-rechtlichen Medien geniessen bei den Pegida-Anhängern so gut wie kein Vertrauen – im Gegensatz zur Polizei, die bei den Pegida-Anhängern hoch im Kurs steht. Und die AfD hat bei Pegida mit Abstand die meisten Anhänger.

Ist es also Frust, was Kathrin Oertel antreibt? «Ich bin nicht frustriert», sagte sie in der Sendung von Günther Jauch. «Aber man darf in Deutschland über bestimmte Themen wie Migranten nicht diskutieren.»