Erdbeben in Italien

Katastrophenhelfer über Bauschlamperei: «Es bräuchte eine Armada von Bauprüfern»

Thomas Büeler reiste als Nothilfelogistiker für das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) unter anderem in die Erdbebengebiete in L’Aquila (2009) und in Haiti (2010).

Thomas Büeler reiste als Nothilfelogistiker für das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) unter anderem in die Erdbebengebiete in L’Aquila (2009) und in Haiti (2010).

Thomas Büeler war für das Rote Kreuz 2009 in L’Aquila. Der «Nordwestschweiz» erzählt er, was die Menschen in der Erdbebenregion durchmachen und was Italien jetzt unbedingt tun sollte.

Thomas Büeler, Sie sind als Nothilfelogistiker für das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) unter anderem in die Erdbebengebiete in L’Aquila (2009) und in Haiti (2010) gereist. Was geht in den Menschen vor, die ein solches Beben miterlebt haben?

Thomas Büeler: Die Menschen stehen unter Schock. Ein Erdbeben kann das Leben binnen Sekunden komplett verändern. Der Verlust von Haus und Angehörigen lässt die Leute ohnmächtig und orientierungslos zurück. Viele wissen nicht, worüber sie zuerst trauern und wo sie zuerst anpacken sollen, weil so viele Probleme auf sie einstürzen. Gleichzeitig reissen Bedürfnisse wie Hunger und Durst die Menschen wieder in den Alltag zurück.

Sie waren nach dem schweren Beben in L’Aquila gut zwei Wochen vor Ort. Was haben Sie dort gemacht?

Wir haben 214 Zelte für obdachlose Familien aufgestellt. Wichtig ist: Wir sind nicht einfach auf eigene Faust losgezogen, sondern wurden vom italienischen Roten Kreuz angefragt. Wenn Hilfsorganisationen unkoordiniert in Katastrophengebiete ziehen, dann kann das die Arbeit stark erschweren. Unser Ziel in solchen Katastrophensituationen ist es, den Leuten klare Strukturen zu geben und ihnen die Orientierungslosigkeit zu nehmen. Es gibt nichts Mühsameres, als wenn man sich in einer solchen Krisensituation auch noch um Versicherungsfragen und andere administrative Details kümmern muss, die aber extrem wichtig sind, um schnell wieder selbstständig zu werden. Da können wir den Leuten helfen.

Dann ist die psychologische und administrative Hilfe also genau so wichtig wie Notzelte und warme Mahlzeiten?

Ja. Das Rote Kreuz hat in L’Aquila aber auch mehrere öffentliche Küchen betrieben, die Leute in den Notunterkünften betreut und Spielgruppen für die Kinder eingerichtet. Gerade bei Kindern ist es nach einer solchen Katastrophe wichtig, positive Erlebnisse zu ermöglichen, damit sie nicht traumatisiert werden. Wir haben den italienischen Kollegen auch jetzt unsere Hilfe angeboten. Eine konkrete Unterstützungsanfrage haben wir aber noch nicht erhalten.

Weil man die Situation vor Ort auch alleine im Griff hat?

Das ist schwierig abzuschätzen zu diesem Zeitpunkt. Bis eine Hilfsinfrastruktur voll in Gang kommt, dauert es sicher 24 bis 48 Stunden. Erst danach wird klar sein, ob zusätzliche Hilfe aus dem Ausland benötigt wird.

L’Aquila liegt nur rund 80 Kilometer entfernt von jener Stelle, wo die Erde gestern Nacht bebte. Erdbeben sind in der Region keine Seltenheit. Dennoch gab es wieder zahlreiche Tote. Hat Italien aus L’Aquila nichts gelernt?

Dass es Erdbeben gibt, dagegen kann man nichts machen. Vorhersagen sind extrem schwierig. Selbst in Japan, einem Vorreiter in Sachen Erdbebentechnologie, kann man Erdbeben erst wenige Sekunden vor dem wirklichen Beben erkennen. Das reicht gerade, um Atomreaktoren auszuschalten und Schnellzüge zu stoppen.

Amatrice wurde vom Erdbeben stark getroffen.

Amatrice wurde vom Erdbeben stark getroffen.

Also kann Italien gar nichts machen zur Vorbeugung?

Beim aktuellen Beben wurden alte Dörfer getroffen. Auch in L’Aquila waren es vor allem alte Häuser, die einbrachen. Diese stammen aus einer Zeit, in der erdbebensicheres Bauen kaum Priorität hatte. Diese Häuser kann man nur schwer vor Erdbeben schützen.

Wie muss Italien jetzt reagieren?

Was für die Zukunft zentral ist, das sind die sogenannten «building codes»: Jene Qualitätsvorgaben, welche Baubehörden bei der Planung und Umsetzung von Bauprojekten einhalten müssen. Die Schwierigkeit dabei liegt in der Umsetzung und in der Frage, wie streng diese Vorgaben kontrolliert werden.

Weitere Tote bei Beben in Italien befürchtet

Weitere Tote bei Beben in Italien befürchtet

Das schwere Erdbeben in Mittelitalien könnte den Behörden zufolge weitere Menschen das Leben gekostet haben. Das Erdbeben von einer Stärke von mehr als 6 war auch in Rom zu spüren (Quelle: dpa).

Anders gesagt: Es ist jetzt nichts wichtiger, als verstärkt darauf zu achten, dass nicht geschlampt wird.

Genau. Nur ist das natürlich sehr teuer. Es bräuchte eine ganze Armada von staatlichen Bauprüfern. Die Verantwortung liegt hier aber auch bei den privaten Bauherren.

Nach L’Aquila wurden schnell Vorwürfe laut, die Mafia sei für Bauschlampereien verantwortlich und lasse Hilfsgelder in die eigenen Taschen fliessen. Ist das auch
beim aktuellen Beben eine Gefahr?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich kann aber versichern, dass das Schweizerische Rote Kreuz stets alles daran setzt, dass seine Hilfe korrekt eingesetzt wird. Unsere Aufgabe ist es, den Menschen in Not zu helfen. Darum
haben wir auch jetzt unsere Unterstützung angeboten.

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