Japan

Katastrophe in Japan: «Das droht schlimmer auszugehen als Tschernobyl»

Die Betreibergesellschaft, bis heute einzige Informationsquelle zur Lage im Katastrophenkraftwerk Fukushima I, besitzt kaum noch Glaubwürdigkeit. In Reaktor 3 brechen immer wieder Feuer aus.

Die Lage um das Katastrophen-Kraftwerk Fukushima I wird weltweit als dramatisch beurteilt. Genaue Informationen über die Entwicklung im Kraftwerk sind am Mittwoch rarer geworden. Die Betreibergesellschaft verliert indessen immer mehr Glaubwürdigkeit.

Tepco im Kreuzfeuer der Kritik

Nachdem sich der japanische Premierminister noch am Dienstag öffentlich über deren Informationspolitik aufgeregt hatte – die Regierung hatte von einer Explosion über das Fernsehen erfahren, erst eine Stunde nach den Geschehnissen trudelte ein entsprechender Bericht der Tepco im Büro des Premierministers ein – musste eine Löschaktion mit Helikoptern im letzten Moment wegen viel zu hoher Strahlungswerten abgebrochen werden.

Zuvor bezeichnete die Tepco die Mission als vollkommen unproblematisch. Verhindert werden konnte die Verstrahlung der Piloten nur deshalb, weil ein mit Messinstrumenten ausgerüsteter Helikopter mitgeflogen ist. Der viertgrösste Energiekonzern der Welt hat eine lange Vorgeschichte die von gefälschten Berichten über verschlampte Inspektionen bis zu vertuschten Unfällen reicht (az berichtete).

Kern von Reaktor 3 intakt

Grosse Sorgen bereitete in den vergangenen zwei Tagen der Reaktor 3, nachdem immer wieder Feuer im Gebäude ausgebrochen sind. Nun konnte dort zumindest teilweise Entwarnung gegeben werden: Befürchtungen wonach der Reaktorkern beschädigt ist, bestätigten sich – gemäss Tepco – nicht.

Stattdessen wird davon ausgegangen, dass die Feuer von zwar abgebrannten, aber immer noch relativ heissen Brennstäben ausgehen. Weil sie teilweise aus dem Kühlwasser ragen, kommen sie mit der Atmosphäre in Kontakt. Dabei entwickelt sich hochentzündlicher Wasserstoff. Die Brennstäbe liegen nicht im Reaktorkern, wo ein Feuer dramatische Folgen hätte, sondern im für sie eingerichteten Kühlbecken.

Mit allerlei Massnahmen versuchen die Einsatzkräfte, die Wasserpegel in den Kühlbecken möglichst hoch zu halten. So haben sie nach dem gescheiterten Helikopterversuch begonnen, mit Wasserwerferfahrzeugen der Polizei Wasser in die offenliegenden Kühlbecken zu spritzen.

Unzählige Erdbeben erschweren Arbeiten an den Reaktoren

Nachdem die Temperaturen auch in den Reaktoren 5 und 6 plötzlich stark angestiegen sind, wurde auch in diese von den 50 noch im Kraftwerk arbeitenden Spezialisten Meerwasser gepumpt. Damit sind nun alle sechs Reaktoren in einem kritischen Zustand. Längst kann nicht mehr davon ausgegangen werden, dass die Kraftwerksbetreiber die Lage unter Kontrolle hätten. Vielmehr wird Katastrophenmanagement betrieben, die Arbeiter rennen von einem Brennpunkt zum nächsten und üben sich in Schadensbegrenzung.

Damit die Einsatzkräfte überhaupt noch vor Ort arbeiten können, mussten die japanischen Behörden die erlaubten Grenzwerte für Arbeiter in Kernkraftwerken von 100 Millisievert auf 250 Millisievert anheben – ein für die Gesundheit bereits sehr kritischer Grenzwert (siehe Kasten; 1000 Millisievert = 1 Sievert).

Regelmässig müssen die Arbeiter die Kontrollräume verlassen, weil die Strahlungswerte zu hoch sind. Tepco gibt Spitzenwerte von bis zu 400 Millisievert an, wobei ausserhalb der inzwischen vollständig evakuierten 20-Kilometer-Zone um das Kraftwerk je nach Quelle zeitweise 1000 bis 1500 Millisievert gemessen werden können.

Schwierig gestalten sich auch die Arbeiten ausserhalb der Räumlichkeiten. Erdbeben im Zehn-Minuten-Takt erschweren die Bemühungen, von Erdbeben und Tsunami zerstörte Strassen auf dem Kraftwerksgelände wieder in Stand zu stellen. Sie sind wichtig, damit Löschfahrzeuge von Polizei und Feuerwehr zu den Reaktoren vordringen können.

Chef der Atomenergiebehörde will sich die Lage vor Ort ansehen

Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, Yukiya Amano, bezeichnet die Situation im Atomkraftwerk Fukushima I als «sehr ernst». Er werde so schnell wie möglich selbst nach Japan fliegen. Danach wolle er eine Sondersitzung des IAEA-Leitungsgremiums einberufen, sagt der Japaner gemäss Nachrichtenagentur SDA. Am liebsten wolle er bereits am Donnerstag aufbrechen, so Amano.

Die französische Umweltministerin warnt vor einem Debakel, das den Reaktorunfall von Tschernobyl noch übertreffen könnte. Ähnlich dramatisch sieht es der Chef der russischen Atomenergiebehörde. Er hat eine Gruppe von Tschernobyl-Veteranen an die Ostküste Russlands reisen lassen. Dort wartet sie auf eine Einreiseerlaubnis Japans, um die Arbeiter vor Ort mit ihrer Erfahrung unterstützen zu können. Bisher verweigert Japan die Bewilligung jedoch, weshalb die russische Seite spekuliert, Japan könnte sich davor fürchten, Russland zu tiefe Einblicke in seine Technik zu gewähren.

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