Es ist zum Verrücktwerden: Auch 35 Tage vor dem Austritts-Termin ist die britische Premierministerin Theresa May unverändert weit davon entfernt, eine Mehrheit für ihren Brexit-Deal zusammenzubringen. Angesichts des drohenden Chaos bei einem ungeregelten EU-Austritt werden ringsum Forderungen laut, die EU müsse London endlich entgegenkommen. Brüssel verhalte sich dogmatisch-stur und wolle die vom Glauben abgefallenen Briten für ihren Volksentscheid bestrafen, heisst es.

Der britische Aussenminister Jeremy Hunt ermahnte diese Woche, man müsse die «schwere Verantwortung» jetzt gemeinsam wahrnehmen. Darin schwingen Ankündigung und Drohung mit, eine kompromisslose Haltung der EU könnte das Verhältnis zum Freund und Nato-Partner - der immerhin den Kontinent von den Nazis befreit hat - auf Jahre vergiften.

Tatsächlich ist es so, dass es die Briten sind, welche die Europäische Union verlassen. Die EU kann ihnen auf diesem Weg nur schwer entgegenkommen. Dazu müsste sie sich schon ein Stück weit von sich selbst entfernen.

Das Problem zeigt sich beim Streit um die Grenze zwischen EU-Mitglied Irland und britischem Nordirland. Die Briten wollen diese wie die Europäer offen und unsichtbar halten, um ein Aufflammen des Konflikts in der ehemaligen Bürgerkriegsregion zu verhindern. Gleichzeitig wollen sie aus der Zollunion austreten und wieder eine eigenständige Handelspolitik betreiben. Beides zusammen wird aber schwierig. Ohne Zollkontrollen an der inneririschen Grenze könnte ein dereguliertes, von EU-Standards befreites Brexit-Britannien die auf dem Weltmarkt eingekauften Güter in den europäischen Binnenmarkt einschleusen. Hormonfleisch aus den USA und chinesische Ramschprodukte über die nordirische Hintertür in die europäischen Supermärkte? Es ist der Albtraum aller Binnenmarkt-Verteidiger.

Wie das Dilemma aus Integrität des Binnenmarktes, Austritt aus Zollunion und unsichtbarer Grenze aufzulösen ist, weiss bislang niemand. Die Briten fordern auch hier: Entgegenkommen aus Brüssel. Vielleicht müsste man aber auch mal sagen: Mit dem Brexit-Slogan «take back control» kommt auch die Verantwortung zurück. Es liegt auch an Euch, eine Lösung zu finden!

Daneben ist es falsch, zu behaupten, die EU sei dem Vereinigten Königreich nie entgegengekommen. Es war der eigene Wunsch der Briten, den sogenannten «Backstop» als Versicherung für eine unsichtbare Grenze auf ganz UK auszuweiten. Statt nur Nordirland soll das gesamte Königreich in der Zollunion verbleiben, bis eine Lösung für die Grenze im Rahmen eines Freihandelsabkommens gefunden ist. Die EU hat den Briten auch mehrmals angeboten, die Austrittsfrist über den 29. März hinaus zu verlängern, um mehr Zeit für Verhandlungen zu schaffen. Drittens ist Brüssel bereit, die politische Erklärung zum künftigen Verhältnis so weit zu überarbeiten, dass deutlich wird, dass der «Backstop» wirklich nur so lange wie nötig in Kraft und das UK nicht für alle Ewigkeit in der Zollunion «gefangen» bleibt.

Doch es reicht nicht. Die Briten beharren auf einem einseitigen Kündigungsrecht oder einem Enddatum für den «Backstop». Momentan ist wieder die Rede von einer Zwölf-Monate-Frist. Irland und die EU werden dies nicht akzeptieren. Das Argument: Mit einer zeitlichen Begrenzung verfehlt der Backstop gerade den Zweck, den er erfüllen soll: eine Versicherung für alle Fälle.

Sicher: Die Vorbehalte der Briten zum Backstop sind nachvollziehbar. Wer schliesst schon einen Vertrag ab, von dem er nicht weiss, wie lange er dauert und aus dem er selbst nicht aussteigen kann? Und abseits von allen juristischen Streitigkeiten stimmt es auch: Die EU und die Briten sitzen beim Brexit im selben Boot. Beide haben grösstes Interesse daran, dass es zu einer einvernehmlichen Scheidung kommt.

Vielleicht sollte die EU eine Hilfeleistung an die britische Innenpolitik deshalb doch nochmals bedenken. Inspiration könnte dabei die britische Geschichte selbst bieten: 1898 schloss das UK mit China einen 99 Jahre dauernden Pachtvertrag für Hongkong ab. 99 Jahre sind zwar keine ganze, aber eine halbe Ewigkeit. Will man den Backstop zeitlich begrenzen und soll er seinen Garantie-Charakter nicht verlieren, müsste die Dauer zumindest gefühlsmässig ähnlich lange sein.