Kamala Harris ist es gewohnt, dass Gesprächspartner ihre Fragen nicht beantworten wollen – schliesslich war die Demokratin aus Kalifornien vor ihrem Einstieg in die Politik zwei Jahrzehnte lang als Staatsanwältin tätig. Im Gegensatz zu den meisten Senatoren hat Harris deshalb einen Plan B parat, wenn sie vor laufenden Kameras ein feindselig eingestelltes Regierungsmitglied in die Zange nimmt. So auch am Mittwoch, als Justizminister William Barr sich den Fragen der Justizkommission der kleinen Parlamentskammer stellte.

Harris wollte von ihm wissen, ob das Weisse Haus – oder, präziser gesagt: Präsident Donald Trump – jemals angeordnet oder suggeriert habe, strafrechtliche Ermittlungen gegen eine bestimmte Person aufzunehmen. Barr druckste ein wenig herum und sagte dann: «Könnten Sie diese Frage wiederholen?», als wolle er Zeit gewinnen.

Harris tat wie geheissen und zwar mit einem fast schon mitleidigen Gesichtsausdruck. Als der Justizminister auch im zweiten Anlauf herumdruckste, unterbrach ihn die Senatorin und sagte: Sie habe den Eindruck, er erinnere sich an einen Vorfall.

Barr gab zurück, er kämpfe mit der Fragestellung, sei er sich doch nicht sicher, ob die Worte, die Harris benutzt habe, seine Gespräche im Weissen Haus wahrheitsgemäss zusammenfasse – als sitze der Justizminister in einem Seminar über die Feinheiten der amerikanischen Sprache. Harris präsentierte ihm einige andere Worte, worauf Barr bloss das Gesicht verzog und sagte: «I don’t know», ich weiss es nicht.

So ging es munter weiter, 8 Minuten lang. Harris stellte pointierte Fragen über die politische Instrumentalisierung der Justiz und den Bericht von Sonderermittler Robert Mueller. Und Barr druckste herum, runzelte die Stirn und verhedderte sich in seinen Antworten. Und die Demokratin hatte erneut einen «viral moment» erschafft: Das Video ihres Austausches mit Barr, veröffentlicht durch den Parlamentssender C-SPAN, wurde in den ersten 24 Stunden mehr als 3,5 Millionen Mal angeklickt.

Kamala Harris' Befragung von Justizminister Barr im Video.

Solche Publizität kommt der Senatorin höchst gelegen, bewirbt sie sich doch um die Nomination zur demokratischen Präsidentschaftskandidatin – und in einem Feld mit mehr als 20 Kandidatinnen und Kandidaten laufen sämtliche Bewerber Gefahr, in Vergessenheit zu geraten. Andererseits besitzt die 53-jährige Senatorin das gewisse Etwas, eine Mischung aus Star-Qualitäten und Intellekt, mit der sie das Fussvolk der Demokraten für sich einnimmt.

So strömten kürzlich im Universitätsstädtchen Iowa City (Iowa) gegen 1000 Personen in einen Versammlungssaal, um Harris sprechen zu hören. «Das ist ein beeindruckender Aufmarsch», sagt Sue Dvorsky, ehemalige Parteivorsitzende der Demokraten. Jeder Kandidat, dem es gelinge, ein Jahr vor dem Start der Vorwahlen einen der grössten Säle in Iowa City zu füllen, könne mit sich zufrieden sein.

Harris präsentiert sich während ihres Auftrittes als fleischgewordene Alternative zum aktuellen Bewohner des Weissen Hauses: Die Tochter einer indischen Krebsforscherin und eines jamaikanischen Wirtschaftswissenschafters, die in Kalifornien und Kanada aufwuchs, in Washington und San Francisco studierte und sich anschliessend als Staatsanwältin ihre Sporen abverdiente.

Und obwohl sie es vermeidet, Trump beim Namen zu nennen, spielt der Präsident in ihrer Präsentation doch eine zentrale Rolle. So spricht sie darüber, dass Amerika im Wahljahr 2020 an einer Wegscheide stehe – und dass der Weg, den sie gehen wolle, in ein Land führe, in dem drängende Probleme wie Rassismus oder wirtschaftliche Ungleichheiten nicht mehr unter den Teppich gewischt würden. «Ich bin mir bewusst», verkündet Harris, «dass es manchmal ungemütlich ist, die Wahrheit zu sagen.» Aber letztlich müssten sich Politiker den Herausforderungen stellen, mit denen sie sich konfrontiert sähen.

Die Senatorin siedelt sich am linken Flügel ihrer Partei an – vertritt sie doch Kalifornien, eine Hochburg der Demokraten. Brüche sind aber auch in der Karriere von Harris zu finden. So war sie während ihrer Karriere als Staatsanwältin von San Francisco (2004 bis 2011) und Justizministerin ihres Heimatstaates (2011-2016) unnachgiebig bei der Durchsetzung von Recht und Ordnung – obwohl sie sich als «progressiv» bezeichnete, ging sie beispielsweise gegen die Eltern von Schulschwänzern mit Geldbussen vor. Solche Positionsbezüge sind in der modernen Demokratischen Partei höchst unpopulär. Harris sah sich deshalb jüngst gezwungen, sich davon zu distanzieren.