Sebastian Kurz hatte in seinem kurzen politischen Leben schon viel Hohn und Häme auszuhalten. 2010 waren Parteifreunde peinlich berührt, als der Chef der Jungen ÖVP mit einem «Geil-o-mobil» durch den Wiener Wahlkampf tourte. Der 23-Jährige wollte die Hauptstädter von etwas überzeugen, was er inzwischen selber nicht mehr glaubt: «Schwarz macht geile Politik!» Er jedenfalls hat eine ziemlich geile Karriere hingelegt: Mit 24 Integrationsstaatssekretär, mit 27 jüngster Aussenminister der Welt, und nun – mit 30 – ÖVP-Chef mit Chance aufs Kanzleramt.

Die Spötter sind längst verstummt. Hingegen wird jetzt darüber debattiert, wie autoritär oder gar diktatorisch der Polit-Jungstar ist. Denn Kurz hat von seiner Partei nicht etwa eine Generalvollmacht erbeten, sondern diese ultimativ gefordert. Und das in aller Öffentlichkeit: Entweder die Partei erfülle seine sieben auf uneingeschränkte inhaltliche und personelle Oberhoheit hinauslaufenden Bedingungen oder sie müsse sich einen anderen suchen. So mancher ÖVP-Grande hatte Bauchweh, aber keine andere Wahl.

Die ÖVP hat sich in ihrer Not einem kleinen Diktator unterworfen. Aber wenn schon dieser Vergleich, dann historisch präzise: Kurz entspricht etwa einem Diktator der vorchristlichen Römischen Republik. Solche wurden dort nur auf Zeit und für bestimmte Aufgaben bestellt – zum Beispiel zur Abhaltung von Wahlen. Genau darum geht es jetzt: Kurz soll die in Umfragen abgeschlagen auf Platz drei rangierende ÖVP in Neuwahlen führen, die sie mit ihm vielleicht sogar triumphal gewinnen könnte.

Mit Kurz werden die Karten in Wien neu gemischt. Im Duell zwischen ihm und Kanzler Christian Kern könnte der Rechtspopulist Heinz-Christian Strache das Nachsehen haben – oder auch lachender Dritter sein. Niemand kann den Ausgang dieses Dreikampfes derzeit prognostizieren. Nur eine Prognose ist nicht gewagt: Wenn Kurz nicht liefert, macht die ÖVP, was sie noch mit allen ihren Chefs gemacht hat. Denn Verlierer sind gar nicht geil.

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