Die Botschaft war unmissverständlich. «Schützt uns und nicht Waffen!» Zu lesen war sie gestern auf einem Plakat, das eine Sekundarschülerin auf dem Campus der T.C. Williams High School in Alexandria (Virginia) trug. Sie ist eine von Hunderttausenden Schülerinnen und Schülern, die gestern im ganzen Land demonstrierten.

Die T.C. Williams High School ist dank des sehenswerten Filmes «Remember the Titans» überregional ein Begriff. Kurz vor 10 Uhr (Lokalzeit) unterbrachen die Sekundarschüler den Unterricht und marschierten ins Football-Stadium der Schule, um dort (bei bitterer Kälte) 17 Minuten lang der 17 Opfer des Massakers zu gedenken, das ein 19-jähriger Schüler vor einem Monat in Florida verübt hatte. Dabei waren auch Sprechgesänge wie «Die NRA muss weg» zu vernehmen, eine Kampfansage an die Waffenlobby National Rifle Association. Und «We call B.S.», was sich auf Deutsch mit «So ein Schwachsinn!» übersetzen lässt.

Eine der Erfinderinnen dieses Slogans ist Emma González, eine 18-jährige Schülerin der Stoneman Douglas High School in Parkland. Wenige Tage nach dem Massaker an ihrer Schule hielt sie eine improvisierte Rede, in der sie sich bitterlich darüber beklagte, dass die jungen Opfer der grassierenden Waffengewalt in den USA angelogen würden – von Politikern, die angeblich vor der Waffenlobby kuschten, und von Unternehmen, die in den Teenagern bloss unterwürfige Konsumenten sähen.

Damit habe es nun aber ein Ende, sagte González. Von nun an würden sie und ihre Altersgenossen Schwachsinn als Schwachsinn bezeichnen – zum Beispiel, wenn jemand behaupte, dass schärfere Waffengesetze folgenlos bleiben würden.

Seit dieser Rede ist «We call B.S.» ein Schlachtruf einer Bewegung, die erst einen Monat alt ist, aber bereits erste, recht beachtliche Erfolge erzielte. So besitzen González und ihre Mitstreiter plötzlich eine virtuelle Plattform – auf Twitter weist die Schülerin mehr als 1,2 Millionen «Follower» auf. Dieses grosse Echo haben auch die Politiker vernommen. Im Schnellzugstempo verabschiedeten deshalb die Abgeordneten des Senats und des Repräsentantenhauses von Florida ein Paket, das unter anderem eine Verschärfung der Waffengesetze vorsieht.

So gilt in Florida künftig das Mindestalter von 21 Jahren beim Kauf von Revolvern oder Schiessgewehren. Auch wurde eine dreitägige Wartefrist bei Waffentransaktionen eingeführt. Florida gilt landesweit als höchst fruchtbares Pflaster für Anhänger liberaler Waffengesetze – so besitzen mehr als 2 Millionen Bewohner des Staates eine Lizenz, um eine Waffe verborgen auf sich zu tragen.

Das Vorgehen der beiden republikanisch dominierten Parlamentskammern sorgte deshalb landesweit für Aufsehen. Die Waffenlobby wiederum gibt sich kampfbereit. Kaum hatte Gouverneur Rick Scott, ein Republikaner, das Gesetzespaket mit seiner Unterschrift (im Beisein von Opfern des Parkland-Massakers) in Kraft gesetzt, legte die NRA eine Gerichtsklage ein.

Washington zögert

Weniger greifbar sind die Fortschritte in Washington. Dort richtet die Mehrheitspartei das Augenmerk auf die Frage, ob im Vorfeld des Massakers Warnsignale übersehen wurden. So sah sich gestern der stellvertretende FBI-Direktor David Bowdich vor dem Justizausschuss des Senats gezwungen, sich für die Versäumnisse seiner Behörde zu entschuldigen.

Denn gleich zweimal, am 25. September 2017 und am 5. Januar 2018, warnten anonyme Anrufer vor der Gefahr, die vom späteren Massenmörder Nikolas Cruz ausgehe. Der junge Mann wolle Menschen töten, sagte einer der Anrufer. Die Polizei aber ging diesen Hinweisen nicht weiter nach.

Die jungen Aktivisten geben aber noch nicht auf. Am übernächsten Samstag soll in Washington eine Grossdemonstration stattfinden.