Frankreich

Jüdischer Historiker über Gelbwesten und Antisemitismus: «Diesen Hass habe ich noch nie erlebt»

© A. Lachapelle

Denis Peschanski, Historiker mit jüdischen Wurzeln, über die steigende Zahl antisemitischer Übergriffe in Frankreich.

Vertreter der jüdischen Gemeinde und der französischen Regierung haben in Paris und anderen Städten gegen antisemitische Gewalt demonstriert. Diese hat 2018 um 74 Prozent zugenommen; am Sonntag gipfelte sie in einer Hassattacke radikaler Gelbwesten auf den jüdischen Philosophen Alain Finkielkraut.

Leben Frankreichs Juden heute in Angst?

Denis Peschanski: Einzelne haben Angst, viele sind wütend. Sie wollen verhindern, dass Frankreich eine neue Welle von Antisemitismus zulässt.

Wer sind die Urheber? Rechts-, Linksextremisten, Islamisten?

Es ist ein Gemisch von all diesen Strömungen, ausgehend von dem jahrhundertealten Antisemitismus. Jetzt ist gerade wieder eine solche Spitze erreicht, was die Jagd auf Sündenböcke betrifft.

Sie meinen die Gelbwesten-Bewegung. Ist sie unterschwellig antisemitisch?

Das würde ich nicht so sagen. Aber eine Studie hat klar gezeigt, dass sie stärker als andere anfällig für Komplotttheorien ist – seien das die Illuminati, die zionistische Weltverschwörung oder die «grosse Ablösung». Diese rechtsextreme These unterstellt der Regierung und den Eliten, sie wollten Migranten aufnehmen, um die Bevölkerungs- und politische Mehrheit zu gewinnen. Die Gelbwesten glauben laut der Studie doppelt so stark an diese Theorien, von denen das zionistische Komplott nur ein Teil ist.

Ist Frankreich ein Sonderfall?

Nein, solche Tendenzen gibt es auch in Österreich, Polen, Ungarn und Italien. Man kann nur verblüfft sein, dass ein Land wie Italien im Herzen der EU den Thesen der Rechtsextremen anheimfällt.

In Frankreich wächst auch der Antiparlamentarismus.

Einzelne Gelbwesten lehnen die repräsentative Demokratie ab, das heisst die gewählten Vertreter der Bevölkerung. Das zeigt sich auch in den vielen Anschlägen auf die Büros oder Wohnungen von Abgeordneten. Es ist schon erstaunlich, dass eine Bewegung, die mehr demokratische Beteiligung mit Volksabstimmungen verlangt, die repräsentative Demokratie verwirft und sich undemokratischer Methoden bedient. Nicht zu vergessen: Die Gelbwesten sind gar nicht so zahlreich. Sie geniessen zwar – und immer noch – eine breite Unterstützung durch die Bevölkerung. Aber ihre Praktiken sind nicht sehr demokratisch.

Verkörpert die Bewegung der Gelbwesten nicht auch einen jener Fieberschübe, die Frankreich gelegentlich erfassen?

Ja, Frankreich hat die Eigenheit, eine «Konflikt-Gesellschaft» darzustellen, die ihre Probleme nicht konsensuell löst, sondern per Kraftakt. Das bringt Gewalt mit sich, und diesmal auch einen eigentlichen Hass. Ich habe das in Frankreich noch nie erlebt. Die Präsidentschaftswahl von 2017 hat in eine Legitimitätskrise gemündet, wurde doch die Stellung von Emmanuel Macron von Beginn weg angefochten. Das Ausmass des Hasses auf ihn schlägt alles. In den Umzügen wird Macron als Nazi-Offizier karikiert, andere verbrennen Macron-Puppen.

Wer ist verantwortlich für diese Stimmung?

Das Rassemblement National von Marine Le Pen, aber auch das «Unbeugsame Frankreich» mit seiner links-islamischen Strömung der «Eingeborenen der Republik». Der von ihnen vermittelte Hass ist inakzeptabel. Am stärksten ist er in den sozialen Medien. Gegen sie ist die französische Gesetzgebung sehr schwach. Wer rassistische Sprüche von sich gibt, kann zwar verfolgt werden. Portale wie Facebook, Twitter oder Instagram bleiben unberührt. Sie müsste man in Frankreich stärker zur Verantwortung ziehen, wie das auch in Deutschland der Fall ist.

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