Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, hat am Donnerstag mit einem dramatischen Appell für Schlagzeilen gesorgt. Die Gefahr vor Übergriffen gegen Juden sei nach den jüngsten Anschlägen von Kopenhagen und Paris besonders gross. Juden sollen in überwiegend von Muslimen bewohnten Stadtvierteln deshalb auf das Tragen der Kippa – der Kopfbedeckung männlicher Juden – verzichten.

Die Frage sei, «ob es tatsächlich sinnvoll ist, sich in Problemvierteln, in Vierteln mit einem hohen muslimischen Anteil, als Jude durch das Tragen der Kippa zu erkennen zu geben – oder ob man da besser eine andere Kopfbedeckung trägt», sagte Schuster in einem Radiointerview. Er bezeichnete die Entwicklung in Deutschland als erschreckend.

Antisemitismus hat zugenommen

Auch die Regierung in Berlin stuft die Gefährdungslage für Juden nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen als hoch ein. «Die Gegner unserer Demokratie werden mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft», versprach Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Die Zunahme antisemitischer Straftaten schlägt sich deutlich in Zahlen nieder. 2013 wurden 788 antisemitische Straftaten registriert, im letzten Jahr waren es 1076. Experten rechnen mit einer hohen Dunkelziffer.

Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), will den Appell des Zentralrates der Juden in Deutschland nicht bewerten. Kreutner hält es für bedenklich, dass es gefährlich sein könne, offen zu seiner Religion zu stehen. Aber: «Sicherheit geht vor, deshalb ist der Aufruf nachvollziehbar.» Der SIG selbst richtet sich nicht mit einer ähnlichen Empfehlung an die Juden in der Schweiz. Allerdings beobachtet auch der SIG eine zunehmende Verunsicherung der Juden in der Schweiz, öffentlich zu ihrer Religion zu stehen. «Wir erhalten immer wieder Rückmeldungen von Schweizer Juden, die nicht mehr bereit dazu sind, die Kippa in der Öffentlichkeit zu tragen», sagte Kreutner der «Nordwestschweiz».