Die Stimme ist elektronisch verzerrt. Die Warnung aber, die sie ausstösst, klingt echt. In einem Kinder-Rucksack sei eine Bombe versteckt, die «in wenigen Augenblicken» explodieren werde, sagt die Person. Der Sprengkörper enthalte Schrapnell und werde «ein Blutbad» anrichten. «Eine grosse Zahl von Juden wird abgeschlachtet werden.» Dann sagt die Person: «Ich glaube, ich habe genug erzählt. Ich muss jetzt Schluss machen.»

Solche und ähnliche Bombendrohungen sind seit Jahresbeginn bei rund 150 jüdischen Einrichtungen in den USA und Kanada eingegangen. In insgesamt sechs Wellen – die letzte wurde am vergangenen Dienstag registriert – wurden Synagogen, Gemeinschaftszentren, Schulen und die Geschäftsstellen jüdischer Organisationen bedroht. Obwohl sich sämtliche Anrufe bisher als falsch herausgestellt haben und keine Bombe gefunden wurde, reagieren amerikanische Juden verstört auf die Häufung antisemitisch motivierter Zwischenfälle.

«Für uns ist das aufreibend», sagt Jeff Dannick, der Geschäftsführer des Jüdischen Gemeinschaftszentrums in Fairfax (Virginia), vor den Toren der amerikanischen Hauptstadt. Denn zum einen sei das «J», wie das Zentrum umgangssprachlich genannt werde, ein Begegnungsort für Alt und Jung, in dem Kinder unterrichtet werden und Senioren eine Runde schwimmen können. Zum anderen sei das Personal des Gemeinschaftszentrums nun ständig in Sorge um die Sicherheit der Menschen, die täglich im weitläufigen Komplex ein und aus gehen.

Senatoren schalten sich ein

Ähnlich klingt Guila Franklin Siegel, die für den Dachverband Jewish Community Relations Council of Greater Washington arbeitet. Die letzten Wochen seien aufgrund der Bombendrohungen «sehr anspruchsvoll» gewesen, sagt sie. Die mehr als 100 Organisationen, die ihrem Dachverband angeschlossen seien, hätten deshalb Vorsorge getroffen und die Sicherheitsmassnahmen ausgebaut. «Aus nachvollziehbaren Gründen kann ich nicht in die Details gehen», sagt Franklin Siegel, «aber wir stehen im ständigen Kontakt mit lokalen und bundesstaatlichen Ordnungskräften», um die Sicherheit der jüdischen Institutionen zu garantieren.

Prominente Stimmen stellen sich allerdings auf den Standpunkt, dass es sich dabei bloss um eine Symptombekämpfung handle. Diese Woche unterzeichneten sämtliche 100 Senatoren einen Brief an Sicherheitsminister John Kelly, Justizminister Jeff Sessions und FBI-Direktor James Comey, in dem Demokraten und Republikaner davor warnen, die Bombendrohungen als «isolierte Vorfälle» herunterzuspielen. Vielmehr versuchten die Täter, eine «Atmosphäre der Angst» zu schaffen.

Der demokratische Parlamentarier Dick Saslaw, der die Vorstädte von Washington seit vier Jahrzehnten im Parlament von Virginia vertritt, wählt im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende» deutlichere Worte. Seiner Meinung nach trage Präsident Donald Trump persönlich die Verantwortung für die Zunahme von Vorfällen, die sich gegen religiöse Minderheiten richteten. «Wer Steve Bannon zu seinem Chefstrategen ernennt, darf sich nicht darüber wundern, dass er sämtliche Eiferer und Fanatiker im Land ermuntert», sagt der Politiker jüdischen Glaubens.

Das Weisse Haus weist diese Darstellung zurück. Zum einen sei der präsidiale Chefstratege Steve Bannon mitnichten das antisemitische Ungeheuer, zu dem er von Journalisten gemacht werde. Obwohl Stellungnahmen des ehemaligen Medienunternehmers überliefert sind, die ihn in die Nähe des völkischen Spektrums am äussersten rechten Rand rücken. Zum anderen hätten Trump und seine Berater wiederholte Male in deutlichen Worten verkündet, die antisemitisch motivierten Zwischenfälle seien abscheulich.

Das stimmt. Zuletzt sagte Präsidenten-Sprecher Sean Spicer, der Präsident verurteile die Bombendrohungen und Friedhofschändungen in aller Form. (Trumps Tochter Ivanka ist mit Jared Kushner verheiratet, einem orthodoxen Juden. Kushner gilt als enger Vertrauter des Präsidenten.) Bis vor kurzem wirkten diese Stellungnahmen allerdings arg defensiv – als sei sich das Weisse Haus bewusst, dass der Präsident eine Mitverantwortung für das Klima der Intoleranz in Amerika trage.

«Es braucht einen Kraftakt»

Parteifreunde des Präsidenten jedenfalls befinden sich in einer unbequemen Situation. So sagt die Abgeordnete Barbara Comstock, die im nationalen Repräsentantenhaus einen heftig umkämpften Wahlbezirk in Virginia vertritt, dass sie selbstverständlich sämtliche Hetze gegen religiöse Minderheiten scharf verurteile. Im Gespräch weist sie aber darauf hin, dass der Antisemitismus gerade an den höheren Bildungsstätten im Land grassiere und es deshalb falsch wäre, bloss rechtsradikale Kreise für die jüngste Entwicklung verantwortlich zu machen. «Die extreme Linke und die extreme Rechte arbeiten in diesem Bereich Hand in Hand», sagt Comstock. Zur Bekämpfung des Antisemitismus sei deshalb ein aufklärerischer Kraftakt notwendig, sagt Comstock.

Jüdische Organisationen halten sich aus diesem parteipolitisch motivierten Streit weitgehend heraus. Sie bemängeln aber, dass die Ermittlungsbehörden bisher keine Fortschritte auf der Suche nach der Täterschaft gemacht haben. Andeutungsweise hiess es in den vergangenen Wochen, die Drahtzieher der anonymen Bombendrohungen befänden sich im Ausland. Bisher allerdings wurde diese These weder bestätigt noch dementiert. Das sei zwar frustrierend; unterkriegen lasse man sich aber nicht, betont Jeff Dannick, der Direktor des «J» in Fairfax. Und er verweist auf die zahlreichen Solidaritätsbekundungen für die jüdische Gemeinschaft. «Dies zeigt uns: Wir haben viele Freunde, die uns beistehen.»