Am Donnerstag wurde Joschka Fischer 70. Wie er den Tag begangen hat, ist nicht bekannt. Der aus der baden-württembergischen Provinz stammende Ex-Aussenminister hat sich seit der Abwahl der rot-grünen Bundesregierung 2005 aus der Tagespolitik verabschiedet.

Seit 13 Jahren hat man ihn bei Bundesparteitagen nicht mehr gesehen, das Verhältnis zu den Grünen scheint zerrüttet. Viele hätten dem ersten und bislang einzigen grünen Aussenminister den Wandel vom «verfassungsfeindlichen Tunichtgut zum reichen Bohemien» übel genommen, vermutet die «Süddeutsche».

Dabei hat Fischer seine Partei geprägt wie kaum ein anderer. Und er personifiziert die Entwicklung der Öko-Partei wie vermutlich keiner in den Parteireihen. Die Grünen sind heute längst etabliert im deutschen Parteiensystem, Realos dominieren über Fundis.

Dieser legere Auftritt ging in die Geschichte ein. Joschka Fischer (rechts) wird am 12. Dezember 1985 von Hessens Ministerpräsidenten Holger Börner als Minister fuer Umwelt und Energie im Landtag in Wiesbaden vereidigt.

Dieser legere Auftritt ging in die Geschichte ein. Joschka Fischer (rechts) wird am 12. Dezember 1985 von Hessens Ministerpräsidenten Holger Börner als Minister fuer Umwelt und Energie im Landtag in Wiesbaden vereidigt.

Strassenschlachten mit der Polizei

Auch Fischer hat sich gewandelt. Der Schul- und Lehr-Abbrecher jobbte einst als Taxi-Fahrer, beteiligte sich Ende der 1960er-Jahre an wilden Strassenschlachten mit der Polizei, träumte vom gesellschaftlichen Umsturz. 1983 wurde er Teil der ersten Bundestagsfraktion der Grünen und spielte sich dank seinem rhetorischen Talent und seiner Unerschrockenheit in die erste Reihe der jungen Öko-Partei. «Herr Präsident, mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch», schleuder- te er dem CSU-Bundestagsvizepräsidenten Richard Stücklen in einer Debatte entgegen.

Die Bezeichnung «Turnschuh-Minister» gaben ihm die Bürgerlichen, da er 1985 bei der Vereidigung zum Umweltminister von Hessen in Jackett und Turnschuhen erschien. Die Lederjacke tauschte er spätestens als Aussenminister in der Regierung Gerhard Schröder (1998 bis 2005) gegen Anzüge ein. Die Kluft zwischen Basis und Fischer wurde grösser. Auf dem Parteitag 1999 in Bielefeld wurde er von erzürnten Parteigängern mit Farbbeuteln beworfen, als er für eine deutsche Kriegsbeteiligung beim Nato-Einsatz im Kosovo warb. Hingegen verwehrten Fischer und Schröder 2003 die Deutsche Beteiligung am Krieg gegen den Irak – ein Entscheid, für den Rot-Grün bis heute gelobt wird.

Joschka Fischer, hier als deutscher Aussenminister während einer Wahlveranstaltung im Januar 2000.

Joschka Fischer, hier als deutscher Aussenminister während einer Wahlveranstaltung im Januar 2000.

Mit den Wirtschaftseliten

Fischer hält heute gut bezahlte Vorträge, bewegt sich als selbstständiger Berater auf dem internationalen Parkett der Wirtschaftsbosse. «Fischer hat rigoros mit allem gebrochen, was nur im Entferntesten nach Ökopaxe und Basisdemokratie riecht», stellt die «Wirtschaftswoche» fest.

Seine Sorge über den Zustand der Europäischen Union gibt Fischer nun als Buchautor Ausdruck («Der Abstieg des Westens: Europa in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts»). Scharfe Kritik übt der ehemalige Strassenkämpfer Fischer an den rechtspopulistischen Strömungen in Europa. In der Alternative für Deutschland habe es Nazis, schimpft er und warnt immer wieder: Nun komme «der ganze Dreck wieder hoch».

Ob das die richtige Form der Auseinandersetzung mit dem Phänomen AfD ist, sei dahingestellt. Aber eigentlich will sich Fischer ja zur aktuellen Politik nicht mehr äussern. Es sei denn, er macht mal wieder eine Ausnahme. Vielleicht sieht man ihn auch bald mal wieder auf einem Grünen-Parteitag. Das neue Führungsduo um Annalena Baerbock und Robert Habeck hat es ihm angetan. Fast nostalgisch schwärmt er über die «tolle Spitze» bei den Grünen. Das klingt versöhnlich. Der Revoluzzer ist altersmilde geworden.