Falls es zulässig ist, eine militärische und politische Karriere, die mehr als sechs Jahrzehnte umspannt, auf ein einziges Wort zu reduzieren, würde es im Fall von John McCain «Maverick» lauten. Ein Begriff, der nicht zufällig Erinnerungen an den Wilden Westen weckt und heute im übertragenen Sinn für Menschen verwendet wird, die sich nicht in eine Schablone pressen lassen und die bisweilen etwas eigensinnig auf ihrer Unabhängigkeit beharren.

John Sidney McCain III, wie er mit vollem Namen hiess, war ein solcher Mann. Er liess sich nicht vereinnahmen, weder während seiner militärischen noch während seiner politischen Karriere. Sein einziger Wegweiser, pflegte er zu sagen, sei sein Patriotismus. «Country first», heisst das auf Englisch, das Vaterland kommt zuerst. Dass er mit dieser Haltung Freund und Feind immer wieder vor den Kopf stiess, ignorierte er geflissentlich. Sein politisches Vorbild sei der ehemalige Präsident Ronald Reagan, schrieb er in seinen Memoiren, die dieses Jahr erschienen und in denen er eine ehrliche Bilanz seiner Laufbahn als Senator aus dem Bundesstaat Arizona zog. «Ich bin ein Reagan-Republikaner, ein Verfechter tieferer Steuern, eines schlankeren Staates, einer freien Marktwirtschaft, des Freihandels, der Abwehrbereitschaft und des demokratischen Internationalismus.» Dass diese Positionsbezüge zuletzt, unter dem Nach-Nach-Nach-Nach-Nachfolger Reagans, selbst in seiner eigenen Partei nicht mehr mehrheitsfähig waren, schien ihm egal zu sein. Man müsse schon «ein Idiot» sein, schrieb er gewohnt scharfzüngig, wenn man ignoriere, dass Kompromisse zum amerikanischen Politiksystem gehörten.

Verhängnisvoller Bomberflug

Wie sein Vater und sein Grossvater auch trat der 1936 in der Panamakanalzone geborene McCain als junger Erwachsener der Marine bei – ein Schritt, den er später mit der Familientradition begründete. Er habe gewusst, dass er zu den Streitkräften gehörte, sich gleichzeitig aber vor der Institution gefürchtet, schrieb er. Nach Abschluss der U.S. Naval Academy in Annapolis (Maryland) meldete sich der frisch verheiratete McCain zum Dienst in Vietnam. Dort veränderte sich das Leben des ehrgeizigen Piloten für immer. Am 26. Oktober 1967, während seiner 23. Mission als Mitglied einer besonders aggressiven Staffel, wurde McCain über einem See in Hanoi abgeschossen. Er fiel in die Hände der Nordvietnamesen, die ihn im Hoa-Lò-Gefängnis in der Hauptstadt einsperrten. Fünfeinhalb Jahre lang verbrachte der schwer verletzte McCain im «Hanoi Hilton», wie der Kerker unter amerikanischen Kriegsgefangenen auch genannt wurde – in Einzelhaft und ein ständiges Ziel von Folter und Misshandlungen. Psychisch und physisch gebrochen unterzeichnete er im Sommer 1968 ein Geständnis, in dem er sich als «Luftpiraten» bezeichnete. Eine vorzeitige Freilassung lehnte er aber ab.

Der Neuanfang

Die Freilassung erfolgte schliesslich am 14. März 1973, zwei Monate nach dem Abschluss des Friedensabkommens in Paris, das den Vietnamkrieg formell beendete. McCain kehrte nach Amerika zurück und wurde dort als Held empfangen. Später sollte er sagen, er habe einen Schlussstrich unter «mein Vietnam-Erlebnis» gezogen, als er einen US-Luftstützpunkt auf den Philippinen betreten habe. Mag sein. In der amerikanischen Öffentlichkeit aber blieb McCain – der Mann, dessen Haar bereits im Alter von 36 Jahren schlohweiss war – fest mit dem Krieg verbunden, der Amerikas Selbstverständnis infrage gestellt hatte.

McCain liess sich scheiden, trat aus dem Aktivdienst zurück und startete in Arizona, an der Seite seiner zweiten Gattin Cindy, eine zweite Karriere. 1982 wurde er ins Repräsentantenhaus in Washington gewählt, 1986 folgte der Sprung in den Senat. Anfänglich eher unbeliebt, wurde McCain über die Jahre hinweg zu einer Institution in der kleinen Parlamentskammer – ein Mann, der überparteiliche Koalitionen schmiedete, um die Wahlkampffinanzierungsgesetze zu reformieren, die Streitkräfte zu modernisieren oder die diplomatischen Beziehungen mit Vietnam zu normalisieren.

Erfolgloser Kandidat

Letztlich blieb der medienfreundliche Senator aber immer ein Rebell, dem es nie gelang, die grossen Massen für sich zu begeistern. Im Jahr 2000 scheiterte er während des Präsidentschaftswahlkampfes bereits in den Vorwahlen an George W. Bush. Acht Jahre später wurde er von den Republikanern zwar nominiert – nach acht Jahren Bush im Weissen Haus verspürten die amerikanischen Wähler aber Lust an einer neuen Figur, und sie gaben dem Demokraten Barack Obama den Vorzug. Er sei ein Kämpfer, schrieb McCain später, und «ich hasse es, zu verlieren». Letztlich habe er aber ein Privileg genossen, das nur ganz wenige Amerikaner gehabt hätten: «Ich hatte die Chance, die wichtigste Nation auf diesem Planeten zu vertreten.» Und dafür werde er seinem Land immer dankbar sein.

Am Samstag ist John McCain, vier Tage vor seinem 82. Geburtstag, in Arizona an den Folgen eines Gehirntumors gestorben.