«Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann – fragt, was ihr für euer Land tun könnt», sagte John F. Kennedy. Dann pausierte er, nahm einen weiteren Bissen Schinken und Ei und griff zu seinem Kaffee. Es war der Morgen des 20. Januar 1961. Kennedy probte beim Frühstück seine Inaugurationsrede.

Zuvor hatte er die 1355 Worte bereits in der Badewanne laut ausgesprochen. Eine Stunde später trat Kennedy in die 20 Zentimeter Neuschnee, die über Nacht in Washington gefallen waren. Soldaten hatten die ganze Nacht über Schnee geschaufelt – und 700 Armeelastwagen damit gefüllt.

Kennedy hatte eine kurze Nacht hinter sich. Bis 4 Uhr morgens hatte er sich am Tag vor seiner Amtseinführung von Party zu Party geangelt, in Begleitung der 28-jährigen Schauspielerin Angie Dickinson, mit der er sich auch mehrmals in Privatzimmern kurz vergnügte. Am 20. Januar war aber wieder seine Ehefrau Jackie an seiner Seite.

JFK's Inaugurationsrede vor 50 Jahren

JFK's Inaugurationsrede vor 50 Jahren

Um 11 Uhr trafen die Kennedys im Weissen Haus ein und tranken mit Präsident Dwight D. Eisenhower und seiner Frau einen Kaffee. Kennedy erwähnte das Buch «Der längste Tag» über die alliierte Invasion in Europa 1944. Eisenhower erwiderte, er habe von dem Buch gehört, es aber nicht gelesen. Kennedy war überrascht – aber natürlich war Eisenhower damals vor Ort gewesen. Er hatte die Militäroperation schliesslich geleitet.

Danach fuhren Eisenhower und Kennedy zusammen zur East Plaza des Kapitols. Rund 20000 Menschen warteten dort auf den neuen Präsidenten – und hatten sich weder von der sibirischen Kälte noch von dem heftigen Schneefall abschrecken lassen.

Es war ein wunderschöner Wintertag. Blauer Himmel, gleissendes Sonnenlicht. Die afroamerikanische Operndiva Marian Anderson sang Amerikas Nationalhymne «The Star-Spangled Banner». Der 86-jährige Poet Robert Frost war derart geblendet vom Schnee und vom grellen Sonnenlicht, dass er statt eines extra für den Anlass verfassten Gedichts spontan sein «The Gift Outright» von 1942 vortrug.

Dann kam sein grosser Moment: John F. Kennedy zog den Mantel aus und legte seinen seidenen Zylinderhut zur Seite. Vor Richter Justice Warren legte er den Amtseid ab und hielt dann seine seit Wochen vorbereitete Inaugurationsrede. Seine Worte formten kleine Wolken in der kalten Luft:

«Möge nun und hier Freund und Feind erfahren, dass die Fackel weitergereicht wurde an eine neue Generation von Amerikanern.» – «Jede Nation, mag sie uns Gutes oder Böses wünschen, soll wissen, dass wir jeden Preis bezahlen, jede Bürde auf uns nehmen, jede Härte ertragen, jedem Freund helfen und jedem Feind entgegentreten werden, um den Fortbestand und den Sieg der Freiheit zu sichern.» – «Wir wollen niemals aus Furcht verhandeln. Aber wir wollen niemals Verhandlungen fürchten.»

Die Politrede des 20. Jahrhunderts

Sein Redenschreiber Theodore Sorensen hatte wochenlang an der Rede gefeilt. Er fand heraus, dass Lincolns Gettysburg-Rede deshalb so gut war, weil sie kurz war und nur wenige mehrsilbige Worte verwendete.

Nach der Rede nahmen die Kennedy-Leute das Weisse Haus in Besitz. Der Amtssitz des Präsidenten war leer. Kein Papier, weder auf einem Pult noch in einer Schublade. Kein Buch in den Gestellen. Kein Bild im Oval Office. Kennedy verschickte als erstes amtliches Dokument eine 40-seitige Übersetzung einer geheimen Rede von Sowjetführer Nikita Chruschtschow über die Bedeutung von Guerillakriegen in der Dritten Welt. «Lest, unterstreicht, lernt und verdaut das», befahl der neue Präsident seinen aussen- und sicherheitspolitischen Mitarbeitern.

Doch das waren die Probleme von morgen. Kennedy liess seinen ersten Tag als Präsident an Partys ausklingen. Um 3 Uhr morgens kippte er erschöpft im Weissen Haus in Lincolns Bett. Die Kennedy-Jahre hatten begonnen.