USA

Joe Biden schreibt Geschichte, indem er eine dunkelhäutige Frau zum «Running Mate» ernennt

Bei einer Wahlkampfveranstaltung im September 2019 waren sie noch Konkurrenten im Rennen um die Kandidatur der Demokraten: Zukünftig bilden Joe Biden und Kamala Harris ein Team.

Bei einer Wahlkampfveranstaltung im September 2019 waren sie noch Konkurrenten im Rennen um die Kandidatur der Demokraten: Zukünftig bilden Joe Biden und Kamala Harris ein Team.

Die 55-jährige Senatorin Kamala Harris schreibt ein Stück amerikanische Geschichte: An der Seite des Demokraten Joe Biden ist sie die erste Schwarze, die sich um das Vizepräsidium bewirbt.

Die Suche dauerte länger als geplant. Aber die Kandidatin, mit der Joe Biden für die Demokraten das Weisse Haus zurückerobern will, entspricht den Kriterien eines traditionellen «Running Mates» – vielleicht einmal abgesehen von der Tatsache, dass die kalifornische Senatorin Kamala Harris eine dunkle Hautfarbe hat und damit ein Stück Geschichte schreiben wird.

Joe Biden macht Kamala Harris zu seiner Vizepräsidentin

Joe Biden macht Kamala Harris zu seiner Vizepräsidentin

Auch ist sie nach Geraldine Ferraro (1988) und Sarah Palin (2008) erst die dritte Frau, die sich für eine der beiden Grossparteien um das Amt der Vizepräsidentin bewirbt. Die Nomination von Harris, deren Vornamen übrigens «Komma-Lah» ausgesprochen wird und nicht «Kuh-Ma-Lah», muss nächste Woche, am Rumpf-Parteitag der Demokraten in Milwaukee, noch formal bestätigt werden.

Die ideale Kandidatin für den zweitwichtigsten Posten in der amerikanischen Regierung sei eine Politikerin, die einen grossen Erfahrungsschatz besitze und den Präsidentschaftskandidaten nicht in den Schatten stelle, sagt der Politologe Christopher Devine, der an der University of Dayton in Ohio forscht. Denn entgegen dem Irrglauben spiele es keine Rolle, aus welchem Bundesstaat die Nummer zwei stamme, oder aus welcher soziodemografischen Wählergruppe die Vizepräsidentschaftskandidatin stamme.

Wichtig sei vielmehr, dass die Kandidatin von der eigenen Partei akzeptiert werde, sich gut mit dem Präsidentschaftskandidaten verstehe, und unter Beweis stelle, dass Joe Biden über einen gesunden Menschenverstand verfüge und wichtige Entscheidungen gut abwäge, sagt Devine.

Damit handelt es sich nicht um blosse Theorie, wie der Politologe und Co-Autor des Buches «Do Running Mates Matter?» anhand des Beispiels Mike Pence darlegt. Zwar stimme es, dass der Vize von Präsident Donald Trump unter gläubigen Christen einen starken Rückhalt besitze. Und anekdotisch sei immer wieder zu hören, dass sich viele religiöse Wähler für Trump entschieden hätten, weil er Pence zum «Running Mate» gemacht habe. Für diese Schlussfolgerung gäbe es statistisch aber keine Beweise, sagt Devine. «Tatsache ist, dass die meisten Trump-Wähler sich auch dann für den Präsidenten ausgesprochen hätten, wenn er mit einem anderen Kandidaten ins Rennen gestiegen wäre. Sie hätten dann einfach eine andere Begründung für ihr Wahlverhalten gefunden.»

Erster gemeinsamer Auftritt am Mittwoch

Biden und Harris, die am Mittwoch in Wilmington (Delaware) erstmals gemeinsam auftreten wollen, verbindet eine lange gemeinsame Geschichte. Die Kalifornierin amtierte als Justizministerin ihres Heimatstaates, als in Delaware der älteste Sohn Bidens das gleiche Amt ausübte. In ihrem Wahlkampf-Buch beschrieb Harris den Biden-Sohn als einen «unglaublichen Freund und Kollegen». Beau Biden starb 2015 an einer Krebserkankung. Harris galt gar als Teil der Familie des damaligen Vizepräsidenten, der auf Loyalität grossen Wert legt.

Auch deshalb reagierte das Biden-Lager verstört, als die damalige Präsidentschaftskandidatin Harris sich im Sommer 2019 dazu entschied, Biden während einer TV-Debatte des Rassismus zu beschuldigen. Harris erinnerte Biden damals daran, dass er sich zu Beginn seiner politischen Karriere gegen die forcierte Aufhebung der Rassentrennung in öffentlichen Schulen ausgesprochen habe; unter solchen Positionsbezügen habe sie gelitten, als sie als Kind einer indischen Mutter und eines Vaters aus Jamaika in Berkeley (Kalifornien) eingeschult worden sei.

Diese Episode hallte lange nach, obwohl Harris bereits Ende 2019 den Bettel warf und aus dem Präsidentschaftswahlkampf ausstieg. Sie entschied sich im März 2020, ihren ehemaligen Rivalen zu unterstützen. Biden-Vertraute verbreiteten noch vor einigen Tagen die Geschichte, dass Harris die Breitseite gegen Biden als politisches Manöver beschrieben und darüber gelacht habe. «Sie hatte keine Gewissensbisse», habe ein enger Vertrauter von Biden nach einer Unterredung mit Harris gesagt.

Mit solcher Kritik, die bisweilen sexistisch anmutet, sah sich Harris in ihrer Karriere immer wieder konfrontiert. So wird ihr häufig vorgeworfen, sie sei ambitioniert – ein absurder Vorwurf für einen Politiker. Auch verbreiten ihre Gegner immer noch die Geschichte, dass sie zu Beginn der Neunzigerjahren in San Francisco mit dem mächtigen Lokalpolitiker Willie Brown liiert gewesen war. Der mittlerweile 86 Jahre alte Brown, Ex-Stadtpräsident von San Francisco, sagte diese Woche, er würde Harris dazu raten, auf die Kandidatur für das Vizepräsidium zu verzichten. Denn das Amt sei eine Sackgasse, sei doch George H.W. Bush der letzte Vizepräsident, der zum Präsidenten aufgestiegen sei.

Biden zog in den vergangenen Wochen elf Kandidatinnen in Betracht, nachdem er versprochen hatte, eine Frau zum «Running Mate» zu erküren. In engerer Wahl standen dabei auch eine Reihe von Afroamerikanerinnen, umso mehr als dass Biden dieser Wählergruppe seinen Sieg in den demokratischen Vorwahlen verdankt. Harris galt von Anfang an als eine Favoritin, auch weil sie dank ihrer Präsidentschaftskandidatur bereits ein nationales Profil besass. Der 77-jährige Biden soll sich am Dienstag für Harris entschieden haben; sein Wahlkampfstab verbreitete ein Bild, das Biden während einer Videokonferenz mit Harris zeigte.

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