Kommentar

Jetzt sind die Briten die neuen Schweizer

Das europäisch-britische Freihandelsabkommen ist nicht das Brexit-Ende, sondern der Startpunkt. Die Briten werden sich die nächsten Jahre und wahrscheinlich Jahrzehnte in ständiger Verhandlung mit der EU wiederfinden. Ganz Richtig: Wie die Schweizer.

Was für eine Bescherung: Der britische Premierminister Boris Johnson und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen legen das Brexit-Freihandelsabkommen unter den Weihnachtsbaum. Endlich! Exakt 1645 Tage nach der Abstimmung über den britischen EU-Austritt. Zum Abschluss eines schwierigen Jahres gibt es doch noch ein paar gute Neuigkeiten.

Es war damit zu rechnen, dass es lange dauert. Boris Johnson musste bis zum Äussersten mit einem Vertragsabschluss zuwarten. Nur so kann er die Brexit-Hardliner in seinen eigenen Reihen überzeugen, alles Mögliche für Grossbritannien rausgeholt zu haben. Dazu kommt: Ein Weihnachtsabkommen, das macht sich durchaus gut in den Geschichtsbüchern.

Ende gut, alles gut also?

Nicht ganz. Der Brexit ist noch lange nicht vorbei. Eigentlich geht es jetzt erst richtig los. Grossbritannien verlässt den Binnenmarkt, die Zollunion und wird zu einem gewöhnlichen Drittstaat. Der Brexit wird sich jetzt erst im Leben der normalen Leute niederschlagen. Und es gibt guten Grund zur Annahme, dass das mindesten die ersten Jahre nicht zu deren Vorteil sein wird.

© CH Media

Aber auch die Politik wird noch lange mit dem Brexit beschäftigt sein: Basis der neuen Beziehung zur EU ist ein einfaches Freihandelsabkommen. Reicht das aus? Wahrscheinlich ist, dass eine mit der EU hochintegrierte Volkswirtschaft wie die britische mehr braucht.

Ähnlich wie es die Schweiz die letzten Jahre und Jahrzehnte getan hat, dürfte Grossbritannien deshalb künftig darauf abzielen, der EU zahlreiche sektorielle Vereinbarungen abzuringen, die das Freihandelsabkommen ergänzen. Und selbst, wenn sich die Briten mehrheitlich mit einem einfachen Deal zufriedengeben: Sie befinden sich so stark im Gravitationsfeld der EU, dass sie sich dem ständigen Dialog mit Brüssel nicht entziehen können. Forschung, Finanzdienstleistungen, Klimaziele – es gibt etliche Bereiche, wo man sich schon bald wieder am Verhandlungstisch begegnen wird. Jetzt sind die Briten die neuen Schweizer.

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