Am Ende entliess ihn die Richterin vom Gefängnis in den Hausarrest: Es bestehe keine Fluchtgefahr. Am Vorwurf, Schettino sei mit der «Costa Concordia» zu schnell und zu nah an die Küste Giglios gesteuert und habe damit die Havarie verursacht, ändert dies aber nichts. Ebenso wenig fallen gelassen wird die Anklage, der Kapitän habe sein Schiff verlassen, als sich noch Hunderte Passagiere darauf befanden – «darunter Kinder und Behinderte, die sich nicht selber helfen konnten», wie die Richterin in ihrem Entscheid schrieb.

Offenbar nicht der einzige Schuldige

Laut italienischen Medien ist die Entlassung Schettinos in Hausarrest ein Hinweis darauf, dass er in den Augen der Justiz nicht der einzige Schuldige an dem Schiffbruch ist. Tatsächlich könnte gegen mindestens zwei weitere Personen ermittelt werden: Gegen den Zweiten Offizier Dimitri Ckristidis sowie den dritten Offizier Silvia Coronica, die sich beide in dem Rettungsboot befanden, in dem sich auch Schettino ans Land absetzte. Auch ihnen droht eine Anklage wegen «Verlassen des Schiffs». Bereits offiziell ermittelt wird gegen den Ersten Offizier auf der Brücke, Ciro Ambrosio.

Vor allem jedoch interessiert sich Staatsanwalt Francesco Verusio laut Medienberichten für die Rolle, welche die Reederei der «Costa Concordia» und insbesondere deren Flottenchef und Krisenmanager, Roberto Ferrarini, während der Havarie gespielt haben. Kapitän Schettino und Ferrarini hatten in der Unglücksnacht dreimal miteinander telefoniert, das erste Mal wenige Minuten nach der Kollision mit dem Felsen.

Hat Ferrarini dem Kapitän Anweisungen gegeben und wenn ja, welche? Der «Corriere della Sera» spekuliert, dass der Flottenverantwortliche Schettino aufgefordert haben könnte, mit dem Alarm und der Evakuation erst einmal nichts zu überstürzen, weil dies – sollte sich die Havarie als harmlos herausstellen – schlecht fürs Image der «Costa Crociere» wäre. Tatsache ist, dass sowohl mit dem Alarm als auch mit der Evakuierung viel zu lange zugewartet wurde.

Wer befahl die Routenänderung?

Hellhörig gemacht hat die Staatsanwaltschaft auch die Aussage Schettinos, wonach der Entscheid zur Routenänderung nicht spontan, sondern schon viel früher, noch vor der Abfahrt in Civitavecchia, gefallen sein soll. Würde dies zutreffen, stellt sich die Frage: Wer hat den Entscheid gefällt – Schettino oder die Betreibergesellschaft? Der Kapitän gab im Verhör weiter an, dass er «schon drei oder viermal» diese – nicht reguläre – Route gewählt und eine «Verneigung» vor Giglio gemacht habe. Wusste die «Costa Crociere» davon, und hat sie ihren Kapitän deswegen zur Ordnung gerufen oder nicht? Das Unglück wäre jedenfalls mit der Einhaltung der vorgeschriebenen Route vermieden worden.

Schettino schilderte während des Verhörs auch den Unglückshergang. Er sei trotz der Dunkelheit auf Sicht gefahren, da er die Wassertiefe von seinen früheren Manövern her gekannt habe. «Dass dort ein Felsen war, hat mich überrascht», sagte er. Der Kapitän bestätigte, dass es sich auch bei der letzten Fahrt um eine «Verneigung» gehandelt habe. «Irgendetwas ist schiefgegangen bei dem Manöver»; er habe zu früh abgedreht. «Ich bin wohl Opfer meiner Gedanken geworden», erklärte Schettino. Zutreffend ist vermutlich vielmehr, dass er sich überhaupt keine Gedanken gemacht hatte.

Daneben versuchte Schettino, sich in einem günstigen Licht zu präsentieren. Indem er die «Costa Concordia» nach der Kollision mit dem Felsen noch näher an die Küste in untiefes Wasser gesteuert habe, sei das Sinken des Schiffs verhindert und «Hunderte, wenn nicht Tausende Menschenleben gerettet worden». Er habe alles für die Sicherheit der Passagiere unternommen und nicht einmal seine Schwimmweste getragen, «weil ein anderer sie brauchte». Auch seine angebliche Flucht vom Schiff sei unfreiwillig gewesen: Er sei in ein Rettungsboot gefallen und habe nicht mehr an Bord zurückklettern können. So ein Pech aber auch!