Gedämpfte Klänge aus der Pianobar, eilige Liftboys, in den Klubsessel versunkene Stammgäste – es ist wie in jedem Hotelpalast. Nein, es ist doch nicht dasselbe. Im «Ritz» kann man das Attribut «Hotel» auch weglassen. Das «Ritz» ist das «Ritz».

Das ist zuerst einmal ein Gefühl, eines von der angenehmeren Sorte. Zum Beispiel, wenn es draussen auf der Place Vendôme, einem der schönsten Orte von Paris, in Strömen giesst und einem der Concierge einen Schirm mit der diskreten Hotelinschrift leiht. Wenn man dann bei den Tuilerien die Metro nimmt, das «Ritz»-Emblem in den Schirmfalten versteckt, damit man im Gedränge nicht für einen verirrten Milliardär oder Marsmenschen gehalten wird, dann meldet sich das Gefühl. Die Briten haben dafür sogar ein Wort geschaffen, sie nennen es «ritzy» – elegant, feudal, vom Feinsten eben.

Nur kein Prunk

Dieses Gefühl stellt sich auch ein, wenn man das «Ritz» betritt. Das geht ganz leicht: Einmal durch die Drehtür und dann nach rechts. Es wartet keine protzige Hotellobby, kein geschäftstüchtiges Lächeln; sogar die Réception findet sich abseits. Nur kein Prunk. Dem deutschen Hoteldirektor Christian Boyens liegt an einer «wohnlichen, vertrauten» Atmosphäre. «Viele Leute denken: Wenn sie nicht ihre eigene Fabrik besitzen, können sie hier kein Glas trinken. Völlig falsch!», sagt er.

Es gilt als das berühmteste Hotel der Welt: das 1898 eröffnete Hotel Ritz in Paris (im Bild der Eingang zum Restaurant, 1948).

    

Ein Glas vielleicht. Das günstigste Zimmer – wobei Zimmer nicht das richtige Wort ist, bei einer nach oben offenen Mindestfläche von 40 Quadratmetern – kostet 1000 Euro, jede Suite ein Mehrfaches. Wohnlichkeit hat ihren Preis. Im Badezimmer tut man es sich anfangs noch etwas schwer mit dem Wasserhahn in Form eines goldenen Schwans: Seine Flügel dienen trotz entschlossenem Versuch nicht dazu, das Wasser aufzudrehen (es ist der glitzernde Glasknopf daneben). Aber bald fühlt man sich wie in den eigenen vier Wänden, auch wenn die ergänzt werden durch das Kingsize-Bett mit Baldachin, Kristalllüster und Türen so dick wie ein Banksafe.

«Das ‹Ritz› ist mein Zuhause», sagte schon Coco Chanel, die hier mit den eigenen Möbeln lebte. Dem fülligen englischen König Edouard VII wurde die Badewanne verbreitert, damit er sich dort mit seiner Herzdame nicht mehr verklemmte. Und Ernest Hemingway hatte im «Ritz» «seine» Bar. Sie war dem US-Schriftsteller so teuer, dass er bei der Befreiung von Paris im Jahr 1944 mit Gleichgesinnten die Nazis aus dem Hotel vertreiben wollte. «Ich komme, das ‹Ritz› befreien», rief er bei seiner Ankunft mit dem Gewehr in der Hand, obschon die Nazis bereits weg waren. «Bien sûr», erwiderte der Portier. «Aber die Waffe lassen Sie lieber draussen.»

   

In der Hemingway-Bar, wie sie heute heisst, sitzt man unter Wasserbüffeltrophäen so eng und demokratisch wie in einem Pub. Das «Ritz» hat indes noch zwei andere Bars, wo man alles erhält bis zum Macallan-Whisky. Dessen Jahrgang 1938 kostet pro Glas 8100 Euro, wie der franko-chilenische Barman Andi in der Vendôme-Bar ohne ein Wimpernzucken sagt. Aber er beruhigt gleich, das habe in den letzten 80 Jahren niemand bestellt.

Beim Dinner im Hotelrestaurant L’Espadon (zwei Michelin-Sterne) ist es zwar auch kein Nachteil, Fabrikbesitzer zu sein; aber für den Lunch kann man unter 100 Euro wegkommen. Gegenüber bekommt das «Ritz»-Gefühl sogar eine täglich wechselnde Duftnote. «Black Baccara und Red Naomi», erklärt die Fleuristin Anne ihr Rosenbouquet, das auch eine Augenweide ist. Einmal habe sie 1500 rote Rosen in ein Zimmer bringen müssen, erzählt die Französin so gut gelaunt wie alle «Ritz»-Angestellten. Deren 600 sind für weniger als 300 Gäste tätig.

Nur ein kühles Bier

Im Salon Marcel Proust bereitet Trang einen Long-Jing-Tee mit Haselnussgeschmack zu. Für ihre Teezeremonie – der einzigen in Paris, wie die Vietnamesin nebenbei erwähnt – benützt sie Schälchen, Sanduhren und Pfeffermühlen, aber ja kein Porzellan. Das mache den Tee bitter, auch wenn die Wassertemperatur von 75 Grad genau eingehalten wird, sagt die zierliche Frau. Und im «Ritz» ist nichts bitter.

Das Hotel Ritz von aussen.

   

Wie der Autor von «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit» sitzt man nun im tiefen Sofa und beobachtet die Haute Société zum Apéro. Der Ort war dem mondänen Franzosen so ans Herz gewachsen, dass er auf seinem Totenbett nur noch «ein kühles Bier aus dem ‹Ritz›» wünschte. Warum gerade aus dem Hotel, das nicht als Brauerei bekannt ist? Hotelsprecher Matthieu Goffard hat wie sämtliche Bediensteten auf alles eine Antwort: «Weil es das ‹Ritz› ist.»

Lady Di hatte bekanntlich nicht einmal Zeit für einen letzten Wunsch; sie verstarb 1997 in einem Autounfall nahe der Place Vendôme, nachdem sie das «Ritz» mit ihrem Begleiter Dodi Al-Fayed verlassen hatte. «Das hätten wir zu gerne vermieden», seufzt Goffard nicht zuletzt mit Verweis auf Dodis Vater Mohamed Al-Fayed – dem ägyptischen Geschäftsmann gehört das Fünfsternehotel. Erworben hatte er es 1979 von der Schwiegertochter des Hotelgründers César Ritz.

Der dreizehnte Sohn eines Bergbauern aus Niederwald im Oberwallis war für eine Weltausstellung nach Paris gekommen und hatte sich in der Hotelbranche einen Namen gemacht; 1898 gründete er mit dem Spitzenkoch Auguste Escoffier – dem Erfinder der Pêche Melba – das vielleicht erste Luxushotel überhaupt. Der Deutschschweizer, der 300 Anzüge besass und sie dreimal am Tag wechselte, führte als erster Telefon und Elektrizität bis in die Hotelzimmer ein.

Seit der Wiedereröffnung im Juni 2016 gibt es im Louis-Seize-Tischchen alle Highspeed-Internet-Applikationen unter einem Lederdeckel. Im Badezimmerspiegel sind Fernsehbildschirme eingelassen – diskret, raffiniert, eine winzige Spur exzentrisch. Eben «ritzy».