Kiew

«Jetzt hängt eigentlich alles davon ab, wie lange Putin am Leben bleibt»

Auf dem Markt in Kiew gibt es zwischen Russisch- und Ukrainisch-Sprachigen keine Probleme.

Auf dem Markt in Kiew gibt es zwischen Russisch- und Ukrainisch-Sprachigen keine Probleme.

Der russische Schriftsteller Andrej Kurkow und seine Freunde sind mit der Politik des Präsidenten nicht einverstanden. Vor Russland hat man eigentlich keine Angst. In der Ukraine geht das Zusammenleben zwischen Russen und Ukrainer ohne Probleme.

Andrej Kurkow, Sie sind ein Russe, der seit seiner Kindheit in Kiew wohnt. Brauchen Sie für ein Leben in der Ukraine den Schutz von Wladimir Putin?

Andrej Kurkow: Das wäre mir neu. 80 Prozent der Kiewer sprechen Russisch, in der Ukraine leben rund 20 Prozent ethnische Russen. Das Zusammenleben funktioniert gut, die Russen brauchen keinen Schutz. Auch nicht die anderen Minderheiten - Rumänen, Polen oder Bulgaren. Ich war schon oft in Gebieten dieser Minderheiten, und ich kann Ihnen sagen: Die Leute fühlen sich wohl in der Ukraine.

Fühlen Sie sich selbst als Russe oder als Ukrainer?

Als Ukrainer russischer Herkunft. Aber das ist auch komplett egal. Ein Beispiel: Wenn ich auf dem Markt in Kiew einkaufen gehe, sprechen die meisten Markthändler ukrainisch. Dann rede auch ich ukrainisch mit ihnen. Aber es gibt die Russischsprachigen, die reden dann halt einfach russisch und die Händler antworten auf Ukrainisch. Das geht ganz unkompliziert.

Wie ist die Stimmung in Kiew - geben die Menschen die Krim verloren?

Die Medien schreiben das, und die Mehrheit der Menschen in der Ukraine glaubt heute ebenfalls, dass die Krim an Russland verloren ist. Doch das Territorium wird Russland nicht glücklich, sondern müde machen. Die Krim ist ein okkupiertes, von der Welt nicht anerkanntes Territorium. Sie kostet den russischen Staat viel Geld. Aber die Krim muss nicht für immer verloren sein. Jetzt hängt eigentlich alles davon ab, wie lange Wladimir Putin am Leben bleibt. Er ist bis zu seinem Tod entweder Präsident oder Schattenpräsident und wird Russland lenken. Solange Putin lebt, wird die Krim russisch sein. Interessant wird die Zeit nach der Ära Putin: Mit einer neuen Regierung im Kreml kann und muss die Krim-Frage wieder aufs Tapet kommen.

Müssen sich die Ukrainer vor Putin fürchten?

Es gibt viele Menschen, die sagen, sie hätten Angst vor Russland. Aber eigentlich meinen diese Leute nicht Russland, sondern Putin. Ich habe auch mit Freunden in Estland, Lettland und Litauen gesprochen. Viele haben auch dort Angst, dass Putin seine Armee in ihre Länder schicken wird, weil es auch dort teilweise sehr grosse russischsprachige Minderheiten gibt. Ähnlich denken die Leute in Moldawien. Putin könnte sich Transnistrien unter den Nagel reissen.

Ist die Angst denn berechtigt?

Die Angst vor Putin ist nicht unbegründet und übertrieben. Putin ist unberechenbar. Niemand weiss, was seine Absichten sind.

Das Resultat beim Krim-Referendum war so überwältigend, dass man sich fragt, ob die Leute vielleicht tatsächlich lieber zu Russland gehören wollen.

Die Abstimmung widerspiegelt nicht die ganze Wahrheit. Die Ukrainer, die Krimtataren, sie haben die Abstimmung boykottiert. Nur 30 Prozent der Stimmberechtigten haben am Referendum teilgenommen - und das waren diejenigen, die zu Russland wollten.

Wie denken Ihre Freunde in Russland über Putin?

Ich habe vor allem Kontakt mit russischen Schriftstellern, Leuten aus der Kunstszene. Niemand ist einverstanden mit der Politik von Putin. Aber Putin-Gegner sind leider in der Minderheit oder an den Rand gedrängt. Die staatliche russische Propaganda läuft auf Hochtouren, Putin-Gegner haben gar keine Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Russland versucht, auch die Menschen in der Ostukraine zu manipulieren, die Menschen empfangen dort nur noch russisches Staatsfernsehen. Vor kurzem habe ich mir die Nachrichten im russischen TV angeschaut. Das waren reine Lügen, Desinformationen und Propagandageschichten.

Sie wohnen wenige Minuten Fussmarsch vom Kiewer Maidan entfernt. Sie waren jeden Tag auf dem Maidan. Was hat die Leute vereint - das Streben nach Europa oder das Streben nach Freiheit vom russischen Totalitarismus?

Die Bewegung auf dem Maidan war sehr heterogen, es waren zum Beispiel viele Bauern aus der Zentral- und Westukraine vor Ort, auch viele Studenten. Das Denken unterschied sich. Viele junge Leute lehnten sich gegen den Einfluss Russlands auf, während etwa Kleinunternehmer vor allem nach Europa strebten. Was die Menschen vielleicht vereint hat, war die Auflehnung gegen die vorherrschende Korruption im Land und also gegen Präsident Viktor Janukowitsch. Es ging am Anfang gar nicht darum, Janukowitsch zu stürzen. Im Zuge der Proteste mischten sich aber auch merkwürdige und fragwürdige Gestalten und Gruppierungen unter die Manifestanten. Nationalisten, Menschen, die auf den Zug aufspringen wollten, andere, die einfach nur Teil der Geschichte werden wollten.

Wohin steuert die Ukraine?

Das Wichtigste ist, dass wir zu einer politischen Stabilität finden. Das erhöht die Investitionssicherheit in unserem Land. Ohne politische Stabilität können wir die ökonomischen Probleme nicht lösen. Ich bin recht zuversichtlich, die neue Regierung scheint recht schnell zu lernen. Momentan deutet alles darauf hin, dass die Übergangsregierung an einem Strang zieht und dass alle das gleiche Ziel verfolgen, nämlich die Ukraine wieder nach oben zu bringen.

Wer soll am 25. Mai zum Präsidenten oder zur Präsidentin gewählt werden?

Diese Wahl wird sehr wichtig für unser Land. Die beste Entscheidung wäre meiner Meinung nach Petro Poroschenko. Er ist zwar ein sehr reicher Geschäftsmann, aber er hat sich für das Wohl der Ukraine eingesetzt. Zudem ist er kein Radikaler, er ist akzeptabel für die Menschen im Osten, im Westen und im Süden des Landes. Vitali Klitschko ist ein sehr netter und engagierter Mann, aber ich denke, dass er für ein Präsidentenamt noch zu unerfahren ist. Julia Timoschenko wird hoffentlich nicht gewählt. Ich kenne Leute, die zusammen mit ihr im Kabinett gearbeitet haben. Timoschenko gilt als sehr machthungrig und autoritär. Eine Präsidentin mit solchen Charaktereigenschaften brauchen wir nun wirklich nicht.

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