Walfang

Japan nimmt die Jagd auf Wale wieder auf

Wird bald wieder Realität sein: Die Crew eines japanischen Walfangschiffes zieht ein mit einer Harpune gejagtes Tier an Bord. (Archivbild)

Wird bald wieder Realität sein: Die Crew eines japanischen Walfangschiffes zieht ein mit einer Harpune gejagtes Tier an Bord. (Archivbild)

Morgen wird noch vor Sonnenaufgang eine Ära zu Ende gehen. Zwei Flotten mit je fünf Booten werden dann von japanischen Fischerhäfen aus in See stechen. Sie werden auf Jagd gehen: nach Walfische.

Nach 31 Jahren Pause wird Japan den kommerziellen Walfang wieder aufnehmen. Um das tun zu können, hatte Tokio im Dezember vergangenen Jahres seine Mitgliedschaft in der Internationalen Walfangkommission (IWC) aufgekündigt.

Hintergrund war der jahrelange Streit um das Fangverbot für Wale, das die IWC 1986 weltweit eingeführt hat, um die dezimierten Bestände der Wale zu schützen, und besonders gefährdete Arten vor dem Aussterben zu retten.

Tokio beklagte, dass es einigen Mitgliedsländern der IWC nur um Walschutz gehe. Die ursprüngliche Aufgabe der IWC sei aber die Erhaltung der Bestände und die nachhaltige Nutzung der Tiere. Um das Fangverbot zu umgehen, griffen die Japaner zu einem Trick. Drei Jahrzehnte lang behauptete Tokio, aus «wissenschaftlichen Gründen» Jagd auf die Tiere zu machen. Schliesslich landeten die angeblichen Untersuchungsobjekte statt im Labor in den Kühltheken der Supermärkte.

2014 erklärte der Internationale Gerichtshof in Den Haag das japanische Vorgehen für illegal – doch der Walfang ging weiter. Etwa 500 Wale erlegten japanische Fischer im vergangenen Jahr. Aktivisten der Anti-Walfang-Organisation Sea Sheperd sagen, dass sie es sich vorbehalten, wie schon früher erneut gegen japanische Fangschiffe vorzugehen. 

Gerade mal 200 Fischer leben vom Walfang

Japan und der Walfang: Es ist eine lange, komplizierte Geschichte, deren Ursprung in der Frühzeit des Inselstaats liegt. Doch zu einem Gericht, dass nach Heimat und Kindheit schmeckt, wurde Wal für die meisten Japaner erst nach 1945. In der schweren Nachkriegszeit war Walfleisch billig und nahrhaft und kam deshalb daheim und in der Schule regelmässig auf die Teller.

Die japanische Walfangflotte sticht in See. (Archiv)

Die japanische Walfangflotte sticht in See. (Archiv)

Die Entscheidung des japanischen Premiers Shinzo Abe, aus einem weltweit anerkannten Gremium auszutreten, muss man vor dem Hintergrund der Nostalgie verstehen. Indem der rechtskonservative Abe sich für den Walfang einsetzt, stellt er sich als Verfechter des traditionellen Lebenswandels dar. Gleichzeitig schürt er den Nationalstolz vieler Japaner, die sich in Sachen Walfang lange gegängelt und zu Unrecht kritisiert gefühlt haben.

Nicht wenige Japaner empfinden es als verlogen, wenn ihre westlichen Kritiker zwar Kühe und Schweine verspeisen, den Japanern aber ihr Wal-Steak madig machen wollen. «Wenn man andere dazu zwingt, das nicht zu essen, was man selbst nicht isst, ist das Kulturimperialismus», bringt Hideki Moronuki, Chefunterhändler der japanischen Fischereibehörde, die Emotionen auf den Punkt.

Kommerzieller Walfang ist laut der Internationalen Walfangkommission nicht erlaubt: Deshalb stieg Japan letztes Jahr aus dem Abkommen aus. (Archivbild)

Kommerzieller Walfang wird nicht erlaubt: Die Internationale Walfangkommission lehnte einen entsprechenden Antrag Japans ab. (Archivbild)

Kommerzieller Walfang ist laut der Internationalen Walfangkommission nicht erlaubt: Deshalb stieg Japan letztes Jahr aus dem Abkommen aus. (Archivbild)

Walfang ist für Japan zur Frage nationaler Souveränität geworden. Eine Umfrage des staatlichen Senders NHK erbrachte, dass 52 Prozent der Japaner den Ausstieg aus dem IWC begrüssen – auch wenn sie selbst keinen Wal essen.

Dass der Walfang für Japan vor allem von symbolischer Bedeutung ist, zeigen die Zahlen. Gerade mal 200 Fischer leben vom Walfang. Selbst wenn man die verarbeitende Industrie mit einrechnet, beschäftigt die Branche gerade mal 300 Menschen.

Würden in den 1960er-Jahren noch 200000 Tonnen Walfleisch jährlich verzehrt, lag die Menge zuletzt bei 3000 bis 5000 Tonnen. Das sind etwa 40 Gramm Wal im Jahr pro Japaner. Der Konsum dürfte noch zurückgehen, wenn erstmals die Preise steigen: Der sogenannte wissenschaftliche Walfang wurde mit etwa 10 Millionen Franken jährlich staatlich subventioniert, diese Zuschüsse sollen jedoch in drei Jahren auslaufen.

«Mehr neugierige Touristen als Japaner»

Dass der Appetit auf Wal merklich nachlässt, ist auch in Tokios Einkaufsviertel Shibuya zu spüren. Während sich draussen die Massen vorbeischieben, sitzen im letzten traditionellen Walfleisch-Restaurant der Hauptstadt einige wenige ältere Herrschaften und wählen zwischen Wal frittiert, Wal roh als Sushi und dem Wal-Steak-Set, das mit Miso-Suppe und Salat mit 12 Franken zu Buche schlägt.

«Wir haben Tage, da kommen mehr neugierige Touristen als Japaner zu uns», klagt die Kellnerin. Deswegen habe man auch schon die Öffnungszeiten reduzieren müssen. Angesichts des nachlassenden Interesses der Konsumenten stellt sich die Frage, warum Japan es riskiert, als Tierquäler gebrandmarkt zu werden, nur um eine aussterbende kulinarische Tradition zu retten.

In Japan ist Walfleisch beliebt (Archivbild)

In Japan ist Walfleisch beliebt (Archivbild)

Tokio scheint in Sachen Walfang auch deshalb Kante zeigen zu wollen, um Initiativen, eventuell auch für Thunfisch ein Fangverbot durchzusetzen, schon im Keim zu ersticken. Japan ist der weltweit grösste Absatzmarkt für Blauflossen-Thunfisch, der als gefährdet gilt.

Einige Experten haben jedoch eine ganz andere Lesart. Indem Abe der Walbranche die Subventionen entziehe und die winzige Industrie den Gesetzen des Marktes überlasse, habe er de facto das Ende des japanischen Walfangs eingeläutet, sagt Patrick Ramage, Artenschutzexperte der International Fund for Animal Welfare: «Dies ist ein Weg aus dem Walfang, bei dem Tokio sein Gesicht wahrt und Abe sogar noch als Staatsmann dasteht, der sich von der Welt nichts vorschreiben lässt.» Abe habe damit einen «japanisch-eleganten Weg» gefunden, dem Töten von Walen für ihr Fleisch ein Ende zu machen.

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