So schnell wendet sich das Blatt. Vorige Woche noch galt James Comey, der grossgewachsene Direktor der amerikanischen Bundespolizei FBI, unter Demokraten als Wiedergeburt von Eliot Ness – dem legendären, unbestechlichen Polizisten, der vor 90 Jahren beim Sturz des Super-Gangsters Al Capone eine zentrale Rolle gespielt hatte.

Nun aber wird Comey (55) durch die Anhängerinnen und Anhänger von Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton als Reinkarnation des Sonderermittlers Ken Starr porträtiert – dem ehrgeizigen Juristen, dem es in den 1990er-Jahren gelang, Präsident Bill Clinton bei einer Lüge unter Eid zu erwischen.

Der Grund für diesen Meinungswandel: der umstrittene Entscheid Comeys, den strafrechtlichen Ermittlungen gegen Clinton neues Leben einzuhauchen. «Damit hat er gegen das Protokoll verstossen», sagte gestern Wahlkampf-Manager Robby Mook, ein Vertrauter der Demokratin.

Ness oder Starr? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Comey – lange Jahre ein Mitglied der Republikanischen Partei – legt grossen Wert auf seine Unabhängigkeit. Und darauf, dass die Reputation der Bundespolizei mit ihren 35'000 Angestellten nicht unter dem parteipolitischen Kleinkrieg der beiden Grossparteien leidet.

Entlassung nur in Ausnahmefällen

Er profitiert davon, dass er auf zehn Jahre gewählt ist und vom Präsidenten nur in Ausnahmefällen entlassen werden kann. In den vergangenen 40 Jahren wurde nur gerade ein FBI-Chef gefeuert. Und natürlich kommt ihm zugute, dass es in seiner langen Karriere als Staatsanwalt genügend Beispiele für seine Unbestechlichkeit gibt.

Das bekannteste: Im März 2004 weigerte sich der damalige stellvertretende Justizminister, ein streng geheimes SchnüffelProgramm der Regierung von Präsident George W. Bush zu verlängern, weil es gegen die Verfassung verstiess.

Andererseits deuten die öffentlichen Auftritte des 2013 ernannten FBI-Direktors darauf hin, dass er der demokratischen Regierung von Präsident Barack Obama skeptisch gegenüber steht. So verteidigte er im Sommer den Entscheid seiner Behörde, keine Anklage gegen Clinton wegen Verletzung von dienstlichen Geheimhaltungsvorschriften zu erheben, während einer ungewöhnlichen Pressekonferenz und während Auftritten im Parlament als «ehrlich, kompetent und unabhängig».

Gleichzeitig kritisierte er die ehemalige Aussenministerin Clinton in harschen Worten und nannte ihr Vorgehen, die gesamte dienstliche Kommunikation über private E-Mail-Server abzuwickeln, «grob fahrlässig».

Keine Kritik an Trump

Das ist nicht der einzige Reibungspunkt zwischen Comey und dem demokratischen Establishment. Der FBI-Direktor weigert sich auch beharrlich, Kritik am republikanischen Präsidentschaftskandidaten zu üben und Gerüchte zu bestätigen, dass Donald Trump sich durch russische Regierungskreise manipulieren lässt.

Entsprechende Ermittlungen hätten bisher keine Beweise ans Tageslicht gebracht, heisst es dazu bloss aus (anonymen) FBI-Kreisen, obwohl die Bundespolizei auch exotisch anmutenden Theorien nachgegangen ist. So gibt es Hinweise aus Experten-Kreisen auf einen direkten Draht zwischen der Trump-Organisation und der russischen Alfa-Bank.

Auch sprach sich Comey vor einigen Wochen dagegen aus, Hacker-Angriffe auf den demokratischen Parteiapparat öffentlich den Russen in die Schuhe zu schieben. Er wolle den Ausgang der Präsidentenwahl nicht beeinflussen, lautete die Begründung des FBI-Direktors für diesen Schritt. Dies ist ihm nun aber gründlich misslungen.