Vatikan

«Jahr der Barmherzigkeit»: Die Botschaft ist nicht überall angekommen

Zum Abschluss des Heiligen Jahres verteilt Papst Franziskus Kopien eines Briefes, den er an die Würdenträger der katholischen Welt versandt hat.

Zum Abschluss des Heiligen Jahres verteilt Papst Franziskus Kopien eines Briefes, den er an die Würdenträger der katholischen Welt versandt hat.

Mit einer Zeremonie hat Papst Franziskus die Heilige Pforte des Petersdoms geschlossen und das «Jahr der Barmherzigkeit» beendet. Die Bilanz fällt jedoch durchwachsen aus.

«Viele Pilger haben die Heiligen Pforten durchschritten und die grosse Güte des Herrn erfahren», sagte Franziskus in seiner Messe vor über hunderttausend Gläubigen auf dem Petersplatz. Das Jahr der Barmherzigkeit habe die Menschen eingeladen, zum Wesentlichen zurückzukehren. «Das Wesentliche, das ist für mich eine gastfreundliche, freie, treue und missionarische Kirche, arm an Gütern und reich an Liebe», betonte der Papst.

Die schwere Bronzetür, die im Petersdom die Vorhalle vom Hauptschiff der Basilika trennt, wird in den kommenden Tagen wieder zugemauert. Geöffnet wird sie erst wieder für das Jubeljahr 2025 – sofern nicht in der Zwischenzeit ein weiteres ausserordentliches Heiliges Jahr ausgerufen wird.

Laut Angaben des Vatikans haben während des Jubiläumsjahrs, das am 8. Dezember 2015 begonnen hatte, mehr als 20 Millionen Pilger die Heilige Pforte durchschritten. Der Zustrom ist damit unter den Erwartungen geblieben. Inoffiziell hatte man auf bis zu 30 Millionen Pilger gehofft.

Zum Teil lag die Zurückhaltung der Gläubigen an der Angst vor Terroranschlägen: Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit hatte kaum begonnen, als Paris von einer Terrorwelle heimgesucht wurde. Gleichzeitig hatte der «Islamische Staat» mehrfach angekündigt, auch Rom, das «Zentrum der Kreuzfahrer», ins Visier nehmen zu wollen. Entsprechend scharf waren die Sicherheitsvorkehrungen rund um den Vatikan.

Ausländische Heilige Pforten

Viele Katholiken dürften es vorgezogen haben, das Heilige Jahr in ihrem eigenen Land zu feiern. Möglich war das, weil auf Anordnung von Papst Franziskus auch ausserhalb Roms über zehntausend Heilige Pforten an Kirchen, Gefängnissen, Spitälern und Obdachloseneinrichtungen auf der ganzen Welt eingerichtet worden waren. Viele Bistümer ausserhalb Italiens haben denn auch eine positive Bilanz gezogen.

Das tut auch der Vatikan. Das Jubiläumsjahr habe es dem Papst ermöglicht, sein «Kernanliegen», die Barmherzigkeit, wieder ins Zentrum des kirchlichen Lebens zu rücken, sagte Kurienerzbischof Rino Fisichella, Organisator des Heiligen Jahres. Die Barmherzigkeit sei ein «Quell der Freude und der Hoffnung in einem so intensiven Moment der Unsicherheit und Ungewissheit», betonte er gegenüber Radio Vatikan.

Gleichzeitig habe Franziskus demonstriert, wie wichtig es sei, ein glaubwürdiges Zeugnis abzulegen. «Die Herzen bekehrt man mit einer glaubwürdigen Botschaft und einem kohärenten Lebensstil», das gelte auch für die Kirche und ihre Angehörigen.

Papst inkognito auf Spitalvisite

Im Heiligen Jahr hat der Papst in Rom tausend Strafgefangene mit ihren Angehörigen und ihrem Aufsichtspersonal empfangen; er hat viertausend Obdachlose zu sich eingeladen, um mit ihnen eine Messe zu feiern; er hat ehemalige Priester aufgesucht, die ihr Priesteramt niedergelegt haben, weil sie eine Familie gründen wollten.

Und Franziskus hat im Heiligen Jahr immer wieder inkognito den Vatikan verlassen: Er ging in Spitäler, um Sterbende zu trösten; er ging in Anstalten für straffällige Drogenabhängige, um ihnen Mut zu machen; und er tauchte bei gemeinnützigen Hilfsorganisationen auf, um ihnen für ihren Einsatz zu danken.

Allerdings hat der Papst selber festgestellt, dass die Botschaft der Barmherzigkeit noch bei weitem nicht überall angekommen sei. Am Samstag sprach Franziskus von einem «Virus der Polarisierung», der das Denken, Fühlen und Handeln der Menschen befallen habe: «Wir erleben eine Zeit, in der in unseren Gesellschaften die Polarisierung und die Ausschliessung als vermeintlich einzige Möglichkeit zur Lösung von Konflikten seuchenartig wieder aufleben», sagte er. Ein Unbekannter oder ein Flüchtling werde auf diese Weise rasch als Bedrohung wahrgenommen, ja sogar als Feind eingestuft.

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