Manfred Weber ist ein besonnener Mensch. Freundlich im Ton und gemässigt in der Sache. Bevor er etwas sagt, überlegt er lieber zweimal. Und so betonte er auch gestern, sich seine Gedanken reichlich gemacht zu haben. Kann ich das? Bin ich den Herausforderungen gewachsen? Die Antwort: «Ja, ich bin bereit.» Der 46-jährige Niederbayer will EU-Kommissionspräsident werden.

Weber ist Chef der grössten Fraktion im EU-Parlament, der Europäischen Volkspartei (EVP). Als solcher kann er sich durchaus Chancen auf die Nachfolge von Jean-Claude Juncker ausrechnen. Seit 2014 gilt die ungeschriebene Regel, dass sich die EU-Staats- und Regierungschefs auf jenen Kandidaten einigen, dessen Partei die EU-Wahlen gewonnen hat. Und zurzeit sieht es so aus, als wäre dies wieder die EVP.

Weber ist Christdemokrat aus den Reihen der bayrischen CSU. Im Vergleich zu Innenminister Horst Seehofer oder Ministerpräsident Markus Söder verzichtet er aber auf polarisierende Äusserungen. Statt auf Konfrontation setzt er auf Kooperation. Im CSU-Asylstreit mit Bundeskanzlerin Angela Merkel versuchte er sich als Vermittler zu positionieren. Wie weit sein Einfluss in der Parteiführung geht, ist jedoch umstritten. Seit 2015 amtet Weber als einer von mehreren Vize-Vorsitzenden.

Zu brav?

Kritiker monieren, Weber verfüge über kein klares Profil. Er sei zu harmonieliebend und ihm fehle die Durchschlagskraft, die es im täglichen Umgang mit Regierungschefs und zur Leitung der über 30 000 Kommissionsbeamten braucht. Dass er sich als Fraktionschef davor gedrückt hat, den ebenfalls der EVP angehörenden Viktor Orban nach dessen euroskeptischen Ausfällen in die Schranken zu weisen, haben viele innerhalb der Partei nicht vergessen. Zudem kann Weber auf keine Exekutiverfahrung zurückblicken, was eigentlich zum Stellenprofil eines Kommissionspräsidenten dazugehören würde. Seine politische Karriere beschränkt sich in erster Linie auf die 14 Jahre als EU-Abgeordneter.

Trotz dieser Mängel ist davon auszugehen, dass Weber für seine Kandidatur grünes Licht aus Berlin erhalten hat. Merkel schätzt den CSUler als zuverlässigen Partner in Brüssel. Und 52 Jahre nach Walter Hallstein wäre es in den Augen vieler eine gute Gelegenheit, dass Deutschland den EU-Top-Posten wieder für sich besetzen könnte. Es wäre erst das zweite Mal in der Geschichte überhaupt.

Eine Garantie für ihre Unterstützung will die Bundeskanzlerin Weber dem Vernehmen nach aber trotzdem nicht geben. Die Unsicherheiten im europäischen Personalkarussell, wo 2019 nicht nur das Amt des Kommissionspräsidenten und des Vorsitzenden der Europäischen Zentralbank, sondern auch jenes des Präsidenten des Europäischen Rates, des Nato-Generalsekretärs und des EU-Parlamentspräsidenten neu besetzt wird, sind einfach zu gross. Da können sich noch viele Konstellationen und Kuhhändel ergeben.

Zuallererst muss sich Weber nun ohnehin in der EVP intern durchsetzen. Da wäre etwa noch Brexit-Chefverhandler Michel Barnier, dem ebenfalls Ambitionen nachgesagt werden. Schafft es Barnier, die britische Premierministerin Theresa May rechtzeitig zur Unterschrift des Austrittsabkommens zu bewegen, wäre er ein gefährlicher Konkurrent für Weber. Aber auch der ehemalige finnische Premier, der Marathonläufer Alexander Stubb, soll in den Startlöchern stehen.

Freund des Föderalismus

Webers Planspiele sind allerdings nur sinnvoll, wenn die EVP die EU-Wahlen gewinnt. Einige Beobachter sind sich da gar nicht mehr so sicher. Einerseits schickt sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron an, eine liberale Bewegung auf EU-Ebene aus den Angeln zu heben. Auf der anderen Seite droht die Vereinigung der europäischen Rechtspopulisten unter der Führung von Italiens Innenminister Matteo Salvini und Trumps Ex-Strategen Steven Bannon. Gut möglich also, dass nach den Wahlen im Mai 2019 alles andere als klare Verhältnisse herrschen werden und gleich mehrere Parteien den Sitz des Kommissionspräsidenten für ihren Spitzenkandidaten reklamieren.

Was hätte ein Kommissions-Chef Manfred Weber für die Schweiz zu bedeuten? Im Interview mit dieser Zeitung gab sich Weber vor etwas mehr als einem Jahr noch als Freund des Föderalismus. Weber: «Wir sind ein Verbund befreundeter, souveräner Nationen, die ihre Identität haben. So wie ich Bayer bleiben will, wollen andere Franzosen oder Italiener bleiben.» Gleichzeitig hielt er aber fest: «Wer die Vorteile dieser Gemeinschaft haben will, der muss auch die Spielregeln akzeptieren.»