EU

Italien weckt die Angst vor einer neuen Euro-Krise

Sagt tatsächlich eine Mehrheit der Italiener am Sonntag Nein zur Verfassunsgreform? Die Börsen befürchten für diesen Fall einen Austritt Italiens aus dem Euro.MASSIMO PERCOSSI/Keystone

Sagt tatsächlich eine Mehrheit der Italiener am Sonntag Nein zur Verfassunsgreform? Die Börsen befürchten für diesen Fall einen Austritt Italiens aus dem Euro.MASSIMO PERCOSSI/Keystone

Lehnt Italien das Verfassungsreferendum ab, könnte der Euro erneut in Gefahr geraten. Doch anders als beim«Grexit» wäre Brüssel zum Zuschauen verdammt.

Je näher das italienische Referendum über die Verfassungsreform von Sonntag rückt, desto mehr steigt die Nervosität an den internationalen Finanzmärkten. Bereits am Dienstag musste Italien für fünf- und zehnjährige Staatsanleihen die höchsten Zinsen seit 2015 bezahlen. Grund ist nicht nur die Sorge um einen Kollaps des maroden italienischen Bankensystems und der rekordhohen Staatsverschuldung. An den Börsen wird mittlerweile offen befürchtet, dass es zu einem «Italexit», dem Austritt Italiens aus dem Euro, kommen könnte. Das Sentix-Umfrage-Institut, das wöchentlich bei über 1000 privaten und institutionellen Anlegern den Puls misst, beziffert eine solche Wahrscheinlichkeit nun auf beinahe 20 Prozent.

Italien hat nicht vom Euro profitiert

Schuld am «Italexit»-Gespenst ist der italienische Premier Matteo Renzi. Er knüpfte sein politisches Schicksal an den Ausgang der Abstimmung. Tritt er bei einem Nein zurück, könnte die Fünf-Sterne-Bewegung des Komikers Pepe Grillo ihn beerben. Der bärtige Populist hat für diesen Fall schon mal angekündigt, dass er seine Landsleute über einen Euro-Austritt abstimmen lassen würde.

Wie gross die Wahrscheinlichkeit ist, dass sich die Italiener tatsächlich zu diesem Schritt entschliessen würden, ist schwer abzuschätzen. Fest steht aber, dass Italien im Vergleich zur restlichen Euro-Zone kaum von der Einführung der Gemeinschaftswährung profitiert hat. Im Gegenteil: Während das Bruttoinlandprodukt seit dem Jahr 2000 europaweit um insgesamt 18 Prozent gewachsen ist, verharrte es in Italien auf dem Niveau von damals. Das reale Pro-Kopf-Einkommen ist heute gar noch tiefer als vor der Einführung des Euros. In Sachen Produktivität belegt Italien einen der letzten Plätze in der EU und nach etlichen Jahren der Rezession liegt die Arbeitslosigkeit bei hohen 11,7 Prozent – bei den Jugendlichen sogar bei erschreckenden 38,8 Prozent. Das Frustrationspotenzial ist also gross und die Schuld wird oft den «Technokraten in Brüssel» gegeben.

Kommt es wirklich zu einem italienischen Referendum über den Euro-Austritt, könnten die EU-Institutionen – anders als bei der Griechenlandkrise, als sie das vom Bankrott bedrohte Athen mit Finanzspritzen vor dem «Grexit» bewahrten – jedoch nur zuschauen. Diese politische Dimension lässt die Bedrohung eines «Italexit» für die Euro-Zone denn auch umso gefährlicher werden. Ein Austritt der drittgrössten Volkswirtschaft Europas aus dem Euro-Raum wäre ein Wendepunkt mit weitreichenden Konsequenzen. Bereits jetzt liessen die Gerüchte um einen «Italexit» die Renditen spanischer und portugiesischer Staatsanleihen steigen und setzen die beiden hoch verschuldeten Staaten zusätzlich unter Druck.

Auch Frankreich und Holland?

Manfred Hübner vom Sentix-Forschungsinstitut spricht von einer bemerkenswerten «Anti-Euro-Dynamik zum Jahresende». Ein Euro-Austritt von Frankreich, der mit einem Wahlerfolg der Rechtspopulistin Marine Le Pen im Frühling zur Debatte stünde, wird mit einer Wahrscheinlichkeit von fünf Prozent angegeben. Sogar ein Euro-Austritt der Niederlande sei «nicht unmöglich», heisst es im Sentix-Bericht. In Brüssel ist man denn auch besorgt. EU-Kommissions-Präsident Jean-Claude Juncker hütet sich davor, Abstimmungsparolen auszugeben; er weiss um die Sensibilität gegenüber jeglicher Einmischung «Brüssels». «Ich weiss nicht, ob ich Renzi helfe, wenn ich sage, ich würde gerne das Ja-Lager gewinnen sehen», sagte Juncker der italienischen Zeitung «La Stampa».

Ein Euro-Austritt Roms hätte neben den gravierenden Konsequenzen für die EU aber zuallererst direkte Auswirkungen auf Italien. Eine neue Lira würde stark abgewertet werden und zahlreiche Kleinsparer verlören ihr Vermögen. Wohl auch aus Angst davor investieren immer mehr Italiener in harte Währungen. Heiss begehrt ist anscheinend Gold aus der Schweiz. In den letzten Wochen habe es einen regelrechten Ansturm italienischer Kunden bei Goldhändlern in Lugano gegeben, berichtet die deutsche «Wirtschaftswoche».

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