Kaum Korruption, saubere Strassen und ein funktionierender Gesundheitssektor – Ruanda gilt als Afrikas Zukunftsmodell. Diese Woche wählt das ostafrikanische Land einen neuen Präsidenten. Doch Beobachter sprechen von einer «Krönung statt einer Wahl», denn der Sieger steht so gut wie fest: Paul Kagame hat sein Land seit 17 Jahren fest im Griff. Kritiker werfen dem 59-Jährigen einen zunehmend autokratischen Führungsstil vor. Um sich für eine dritte Amtszeit aufstellen zu lassen, unterzog Kagame die Verfassung 2015 einem Referendum. Das Parlament und 98 Prozent der Ruander sprachen sich für eine Verfassungsänderung und damit die Möglichkeit einer dritten Amtszeit aus.

Den Völkermord beendet

Die hohe Zustimmung überrascht nicht: 1994 hatte sich Kagame das Vertrauen der Ruander buchstäblich erkämpft. Als junger General der Rebellenbewegung «Ruandische Patriotische Front» (RPF) beendete er den Völkermord, bei dem 800 000 Tutsis und gemässigte Hutus abgeschlachtet worden waren. «Ich werde Kagame wählen, weil er uns durch schwierige Zeiten geleitet hat. Der Plan war, uns alle auszulöschen, aber er hat das Blutvergiessen beendet», sagt die Genozid-Überlebende Therese Nyinawankusi der ruandischen Zeitung «New Times». Geht es nach der Mutter, die 1994 drei Kinder verlor, sollte Kagame die von der Verfassung vorgeschriebene maximale Amtszeit nutzen und bis 2034 durchregieren.

Die Strassen sind sicher und aus den Sümpfen der Hauptstadt Kigali spriessen Hotels. In den nächsten Jahren will die Nation zum ostafrikanischen Knotenpunkt der IT-Branche und ein internationales Konferenzzentrum werden. Die Voraussetzungen sind gut. Schon jetzt gilt Ruanda als «Afrikas Singapur»: Die Säuglingssterblichkeit ist seit 1998 um zwei Drittel gesunken, etwa 41 Prozent der Staatsausgaben fliessen in Gesundheit und Bildung.

Korruption duldet Kagame nicht und zieht auch seine Minister regelmässig zur Verantwortung. «Vor zwei Jahren herrschte die einhellige Meinung, Ruanda sei ein gescheiterter Staat», erinnert sich Richard Sezibera, ehemaliger Vorsitzender der Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC). «Heute zählt das Land zu den schnellstwachsenden Wirtschaften der Welt. Ruanda ist ein grossartiges Beispiel dafür, wie afrikanische Renaissance aussehen sollte.»

Unheimliche Machtfülle

Wenige Ruander bestreiten, dass Kagame ihr Leben verbessert hat. Doch der Preis, den der Friedensstifter verlangt, ist hoch: uneingeschränkte Macht. Etliche Oppositionsparteien wurden verbannt und auch Aktivisten und Journalisten haben in Ruanda kein einfaches Dasein. Die Organisation Human Rights Watch beschuldigte die Behörden 2016, «Menschenmengen, darunter Obdachlose, Kleinhändler und Strassenkinder» von den Strassen zu sammeln und in sogenannten Transitzentren wegzusperren. Dort lebten sie ohne Gesundheitsversorgung mit unzureichend Wasser und Nahrung.

Kagame ist sich der Kritik an seinem Regime und dessen negativer Menschenrechtsbilanz bewusst. Sein hartes Durchgreifen rechtfertigt er jedoch mit der bedrohten Stabilität. Er sieht politische Gegner als Aufständische, die eine Rückkehr in die Chaos-Jahre von 1994 beabsichtigten. Die eingeschränkten Freiheiten vergleicht er mit den Strafen, mit denen einige europäische Länder gegen Holocaust-Leugner vorgehen. «Abgesehen davon ist Ruanda ein sehr offenes und freies Land», so Kagame.

Opposition ohne Chance

Während Ruanda für friedliche Wahlen bekannt ist, war der Einfluss des Regimes auch beim Wahlprozess sichtbar: Mehrere Kandidaten wurden disqualifiziert. Als einzige Herausforderer blieben nur Frank Habineza von der einzigen Opposition, der «Grünen Partei», und der unabhängige Kandidat Philippe Mpayimana übrig. Sie setzen auf das, was Kagame vergass, während er Ruanda in eine entwicklungspolitische Oase verwandelte: demokratische Grundwerte.

«Demokratie ist schwierig zu erreichen, aber wir können es schaffen», erzählte Habineza seinen Unterstützern. Daneben setzt der frühere Umweltaktivist auf Populismus: Land für Arme und eine Mauer an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo waren nur zwei seiner Wahlversprechen. Auch der ehemalige Journalist und Lehrer Mpayimana will «Ruanda in eine vollständige Demokratie verwandeln, wo niemand mit Konsequenzen rechnen muss, wenn er sich politisch engagiert». Dem 47-jährigen Newcomer werden die geringsten Chancen eingeräumt. Vielleicht aber ist es gerade sein Image als mittelloser Demokrat, das sich im kompromisslosen Kagame-Staat als Stärke herausstellt.

Bilder der az-Spendenaktion Ruanda 2016: