US-Sanktionen

Iraner leiden unter der US-Politik: «Trump will uns langsam erdrosseln»

Die Iraner blicken schon länger mit gemischten Gefühlen nach Washington. Die US-Politik zermürbt viele im Land.

Vahed ist «stinksauer», als ihm am Freitagmorgen in der Karim-Khane-Zand-Strasse von Schiraz der neueste Euro-Kurs zugerufen wird: «65 000 Rial» – das sind 5000 Rial mehr als vor einer Woche und fast 15 000 Rial mehr als noch vor einem Monat.

Eigentlich wollte der untersetzte Mittvierziger während des bevorstehenden Fastenmonats Ramadan mit einigen Freunden nach Belgrad reisen. 900 Euro hätten Flug und Hotel für fünf Tage kosten sollen. Dazu wäre noch das «Taschengeld für das Unterhaltungsprogramm gekommen», raunt er. Nach dem dramatischen Kursverfall der Landeswährung Rial müsse er die Reise nun absagen.

«Und das haben wir Donald Trump zu verdanken», schimpft Vahed, der im Vakili-Basar von Schiraz in Usbekistan gefertigte Tischtücher und Kopfkissenbezüge verkauft. Eigentlich laufe das Geschäft recht gut. Die aus allen Teilen Europas und Asien kommenden Touristen liessen sich von dem «Wahnsinnigen im Weissen Haus» nicht abschrecken. Seit dem Amtsantritt des – für iranische Verhältnisse – liberalen Staatspräsidenten Hassan Rohani vor fünf Jahren erlebe das Land einen «regelrechten Touristenboom». Die gestiegenen Einnahmen der Basaris würden aber von der galoppierenden Inflation wieder aufgefressen.

Politik trifft das Volk

«Trump will uns erdrosseln, dem Land mit immer neuen Sanktionen und Störmanövern die Luft zum Atmen nehmen», analysiert Sepideh die politische Lage noch vor dem Entscheid aus Washington von gestern. Die junge Frau arbeitet in der medizinischen Forschung, die unter den Sanktionen der USA besonders zu leiden hat. «Mit seiner aggressiven Politik» treffe Trump aber nicht die Teheraner Regierung, was sie nicht weiter stören würde, sondern das überwiegend arme Volk. «Es leidet unter fehlenden Medikamenten, steigenden Preisen in allen Bereichen sowie Arbeitslosigkeit als Folge der Wirtschaftskrise», betont Sepideh empört. «Trump», fügt sie wütend gestikulierend hinzu, «trifft die Falschen. Und zwar in voller Absicht.»

Dunke Wolken am Horizont

Wir trafen Sepideh auf dem in eine Fussgängerzone verwandelten Avitar-Boulevard von Schiraz. Dort wurde am Wochenende ein Strassenfest gefeiert. Es herrscht eine heitere, ausgelassene Stimmung – trotz der dunklen Wolken am politischen Horizont. «Wir Iraner lieben das Leben, zu dem gerade in unserer Kultur mitunter auch das Leiden gehört», erklärt Haschem.

Der 33 Jahre alte Iraner arbeitet seit fünf Jahren im französischen Dijon als Augenarzt. Gemeinsam mit seiner Freundin Simin verbringt er in Schiraz die «Frühsommerferien». Von der «gelösten Atmosphäre» sei auch er überrascht gewesen, gesteht Haschem, während er auf seinem Smartphone eine über die Messenger-App «Telegram» gekommene Botschaft liest. Die wurde vor fünf Tagen zwar von der iranischen Justiz gesperrt. Ihre Aufgabe soll eine von frommen Hardlinern entwickelte App namens «Soroush», was auf Deutsch übersetzt die «Stimme des Gewissens» heisst, übernehmen.

Regierung vermeidet Konflikte

Die Chancen, dass die eher bieder wirkende App im Iran Marktführer werde, seien jedoch gering, glaubt Haschem. Die meisten Iraner würden weiterhin über einen verschlüsselten «VPN-Tunnel» den von zwei Russen entwickelten Telegram-Messengerdienst benutzen. Das wisse natürlich auch die Regierung, die in dieser politisch zu explosiven Zeit Konfrontationen zu vermeiden versuche und «durchaus flexibel reagiere».

«Soll ich es demonstrieren?», fragt Simin herausfordernd. Die junge Frau nimmt ihr Kopftuch ab und spaziert völlig entspannt durch den Garten, der um den aus der Pahlavi-Zeit stammenden Schapuri-Palast von Schiraz angelegt wurde. Niemand stört sich an der kleinen Demonstration. Um dennoch Ärger zu vermeiden, stecken viele Frauen ihr Kopftuch mittlerweile am Hinterkopf fest. Mit diesem «kleinen Kompromiss», erklärt Simin, sei der Blick des Betrachters auf die (fast) volle Haarpracht garantiert. Und nur auf den komme es schliesslich an.

Konfrontation stärkt Hardliner

Es ist inzwischen Abend geworden. In den Gärten um das Mausoleum des persischen Nationaldichters Hafes haben sich Männer und Frauen zu einem Picknick zusammengefunden: Es gibt Gurken, Datteln und Pistazien, dazu ein Glas stark gesüssten Tee. «Trump», da ist sich die Gruppe einig, wolle, wie Bush vor 15 Jahren im Irak, den «Regime Change» in Teheran.

Während ein Teil der Gruppe «Korrekturen an der Spitze für sinnvoll» hält, befürchtet der andere Teil, dass die sich verschärfende Konfrontation mit den Amerikanern die fundamentalistischen Hardliner in der iranischen Hauptstadt stärken könnte.

«Das war nach dem achtjährigen Krieg gegen den Irak (von 1980 bis 1988) nicht anders», erinnert Abbas. Der braun gebrannte Mann ist mit seinen 64 Jahren der «Oldtimer» der Gruppe. «Unser Land hatte damals fast kein Öl verkauft und behauptete sich trotzdem», erzählt er den Jungen, die aufmerksam zuhören. «Nicht nur Saddam Hussein, sondern fast die ganze Welt war gegen uns», was sich heute, «nachdem der Iran eine regionale Supermacht ist», grundlegend geändert habe.

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