Recep Tayyip Erdogans Anhänger scheinen das Vertrauen in die Politik des türkischen Staatschefs noch nicht verloren zu haben. Die von der Erdogan-Partei AKP regierte Kommune Usak in der Westtürkei verzichtet ab sofort auf die Nutzung sozialer Netzwerke, damit kein Geld mehr an US-Firmen wie Facebook, Google, Instagram oder Twitter fliesst. In der Stadt Düzce bietet ein Barbier jedem eine kostenlose Rasur an, der anhand eines Bankbelegs nachweisen kann, dass er Dollar in Lira getauscht hat. Noch einen Schritt weiter ging ein Geschäftsmann in der südostanatolischen Kurdenmetropole Diyarbakir: Hasan Izol fächerte vor laufenden Kameras ein Bündel von 100 Ein-Dollar-Noten auf und steckte die Banknoten mit einem Feuerzeug in Brand. «Wir müssen unseren Patriotismus der ganzen Welt zeigen, vor allem den USA», sagte Izol.

Zwar konnte die türkische Währung am Dienstag gegenüber Dollar und Euro jeweils mehr als fünf Prozent zulegen. Marktbeobachter sehen darin eine Reaktion auf die Ankündigungen der türkischen Zentralbank, die am Montag die Liquidität der Geschäftsbanken erhöht hatte. Die leichte Erholung der türkischen Währung gleicht aber die Einbussen der vorangegangenen Tage nicht annähernd aus. Allein am Freitag hatte die Lira zeitweilig fast 20 Prozent ihres Aussenwerts verloren, am Montag ging es noch einmal rund sieben Prozent bergab.

iPhone-Boykott

Dass die Währungskrise nicht vorbei ist, zeigt auch der jüngste Schlagabtausch zwischen Erdogan und US-Präsident Donald Trump. Erdogan kündigte am Dienstag an, die Türkei werde von nun an elektronische Produkte der USA boykottieren. «Sie haben das iPhone, aber es gibt auch Samsung», sagte Erdogan in einer Rede vor Parteifunktionären in Ankara. «Ausserdem haben wir unser eigenes Venus», ein Smartphone des türkischen Elektronik-Herstellers Vestel. Massnahmen für den Boykott seien bereits in Arbeit. «Die Verschwörer werden einen Preis bezahlen», sagte Erdogan an die Adresse der USA.

Zuvor hatte Trump den Druck auf die Türkei erhöht. Nachdem am Montag die Verdoppelung der Einfuhrzölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei in Kraft getreten war, unterzeichnete Trump am Abend einen Gesetzentwurf, mit dem die Auslieferung bereits bestellter F-35-Kampfjets des US-Herstellers Lockheed Martin bis auf weiteres ausgesetzt wird. Die Türkei will in den kommenden Jahren bis zu 100 Tarnkappen-Flugzeuge des Typs F-35 beschaffen. Dagegen regt sich aber vor allem im US-Senat starker Widerstand, weil die Türkei zugleich russische Luftabwehrraketen des Typs S-400 bestellt hat.

Streit um Prediger

Auch bei den diplomatischen Bemühungen um eine Entspannung zwischen Ankara und Washington zeichnet sich kein Fortschritt ab. Und das, obwohl der türkische Aussenminister Mevlüt Cavusoglu am Montag noch erklärt hatte, die Türkei sei «offen für Diplomatie und Konsens». Am selben Abend noch sprach der türkische Botschafter in Washington bei Trumps Nationalem Sicherheitsberater John Bolton vor.

Beim Gespräch ging es vor allem um das Schicksal des in der Türkei wegen Terrorvorwürfen festgehaltenen amerikanischen Pastors Andrew Brunson. Die USA verlangen seine Freilassung. Erdogan hat hingegen mehrfach durchblicken lassen, dass er Brunson nur im Austausch gegen den in Pennsylvania lebenden Exil-Prediger Fethullah Gülen herausgeben will. Erdogan vermutet seinen Erzfeind Gülen hinter dem Putschversuch vom Juli 2016. Beim Treffen des türkischen Botschafters Serdar Kilic mit Bolton habe es keine Annäherung gegeben, berichten Insider: Washington bestehe auf einer Freilassung des Pastors als Bedingung für weitere Gespräche.

Brunsons türkischer Anwalt beantragte am Dienstag erneut, den Hausarrest und das Ausreiseverbot gegen seinen Mandanten aufzuheben. Ob und wann das Gericht über den Antrag entscheidet, war zunächst unklar.

Unterstützung gab es für Erdogan unterdessen von Russland: Der russische Aussenminister Sergei Lawrow bezeichnete die amerikanische Sanktionspolitik gegenüber der Türkei und Russland als rechtswidrig. Mit den Strafmassnahmen versuche Washington, sich einen unfairen Vorteil im internationalen Handel zu verschaffen, kritisierte Lawrow in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit seinem türkischen Kollegen Cavusoglu in Ankara. Das Aussenministertreffen diente der Vorbereitung einer Syrien-Konferenz, zu der Erdogan für den 7. September nach Istanbul eingeladen hat. Neben Russland und der Türkei sollen auch Frankreich und Deutschland teilnehmen.

Teurere Einkäufe in der Türkei

Staatschef Erdogans Verbalattacken gegen die USA kommen bei grossen Teilen der Bevölkerung gut an. Der Anti-Amerikanismus hat eine lange Tradition in der Türkei. Das von Erdogan gepflegte Feindbild Amerika lässt die Türken deshalb zusammenrücken. Allerdings: Die Menschen spüren den Währungsverfall jeden Tag beim Einkauf. Die Inflation, die im Juli bereits fast 16 Prozent erreichte, dürfte infolge des jüngsten Lira-Absturzes weiter anziehen. Das betrifft nicht nur Importwaren. Auch die meisten Grundnahrungsmittel haben sich drastisch verteuert. Die Energiekosten steigen ebenfalls, auch wenn das Finanzministerium versucht, mit Nachlässen bei der Mineralölsteuer den Anstieg der Treibstoffpreise zu bremsen.

Kommt die Angst vor einem Bankensturm hinzu: Finanzminister Albayrak, der bereits am vergangenen Freitag mit vagen Ankündigungen zu seiner künftigen Finanz- und Wirtschaftspolitik eher Verwirrung stiftete, als Klarheit zu schaffen, meldete sich diesmal immerhin konkreter zu Wort: «Einlagen werden nicht beschlagnahmt, Devisen werden nicht konvertiert», versicherte Albayrak auf Twitter. Alles andere seien «Lügen».

Aus Sorge um ihre Devisenguthaben waren am Freitag viele Türken zu den Banken geströmt. Sie kamen aber nicht, um Dollar und Euro in Lira einzutauschen, wie es Erdogan von seinen Landsleuten seit Wochen immer wieder fordert. Bei aller Begeisterung für den «Reis», den «Führer», wie viele Türken ihren Staatschef nennen – nur wenige folgen seinem Appell, jetzt harte Währung in schwindsüchtige Lira zu tauschen. Der türkische Hockey-Verband etwa gab bekannt, man habe 25 000 Euro auf dem Vereinskonto in Lira getauscht. Und der gemeinnützige Verein AHID sammelte am vergangenen Wochenende unter seinen Mitgliedern 65 Goldketten, 195 Goldmünzen, 2500 Dollar und 3000 Euro zum Umtausch in Lira.

Aber die meisten Bankkunden wollten Dollars und Euros abheben, um die Devisen als Bargeld daheim zu horten – aus Angst vor einer drohenden Bankenkrise. Einige Filialen mussten am Freitag bereits passen, weil ihnen die Devisen ausgingen. Ein Bankrun wäre das Letzte, was die Türkei jetzt braucht.

Tourismus profitiert

Am Montag nun meldeten sich endlich die Währungshüter der Zentralbank zu Wort, die während der vergangenen Tage auf Tauchstation geblieben waren. In einer Erklärung heisst es, man werde «die Marktentwicklungen genau beobachten und alle notwendigen Massnahmen treffen, die Finanzstabilität zu sichern». Die Liquiditätsversorgung der Geschäftsbanken sei gesichert, erklärte die Notenbank. Die Anforderungen für Lira-Reserven wurden gelockert. Dadurch würden dem Markt rund zehn Milliarden Lira, sechs Milliarden Dollar sowie Goldguthaben von drei Milliarden Dollar zugeführt, teilte die Bank mit.

Zu den wenigen Branchen, die vom Verfall der einheimischen Währung kurzfristig profitieren, gehört der Tourismus (siehe auch Text rechts). Die schwache Lira verbilligt Türkeireisen für ausländische Besucher. «Wir erwarten jetzt noch mal einen Schub bei den Last-Minute-Buchungen», sagt Mustafa Özlü, der in der Nähe der Touristenhochburg Antalya ein Vier-Sterne-Hotel betreibt.

Die Lira-Schwäche verbilligt zwar auch türkische Ausfuhren, aber viele Unternehmen, die für den Export produzieren, sind gleichzeitig auf importierte Rohstoffe und Halbfertigwaren angewiesen, die sich entsprechend verteuern. Ganz schlecht sind jene Firmen dran, die Kredite in Dollars oder Euros aufgenommen haben, aber Liras erwirtschaften. Sie müssen nun einen immer grösseren Teil ihrer Erlöse in den Schuldendienst stecken. Das Geld fehlt bei den Investitionen. Kommt es zu Kreditausfällen, könnte aus der Währungskrise schnell eine Bankenkrise werden.

Kritiker werden gejagt

Wer sich in der Kritik wegen der Wirtschaftspolitik Erdogans sorgt, sollte seine Gedanken indes besser für sich behalten. Denn das Innenministerium in Ankara geht jetzt gegen kritische Postings zur türkischen Wirtschaft in den sozialen Netzwerken vor. 346 Nutzer habe man wegen «provozierender Kommentare» bereits seit dem 7. August dingfest gemacht, teilte das Innenministerium am Montag mit. Die Jagd im Internet zeigt die Ohnmacht, mit der die türkische Regierung den Währungsturbulenzen begegnet.