Der Gesundheitszustand der acht OSZE-Beobachter, die russische oder prorussische Kämpfer in der Ostukraine festhalten, ist «in Ordnung». Das sagte ein OSZE-Sprecher, nachdem der Kontakt zu den seit Ende Mai vermissten Männern über Mittelsmänner endlich wiederhergestellt werden konnte.

Unter den Geiseln befindet sich auch ein Schweizer. Frei ist er zwar noch nicht, doch scheinen zumindest die Chancen intakt, dass die Geiselnahme bald endet.

Für den früheren OSZE-Wahlbeobachter für Bosnien und Herzegowina, Tobias Wernle, stand die Beobachtermission in der Ukraine von Beginn an unter einem schlechten Stern. «Diese Mission ist so angelegt, dass man mit einer hohen Gefahr von Entführungen und Geiselnahmen rechnen musste», sagt er zur «Nordwestschweiz».

Unberechenbare Akteure

Mit «man» meint Wernle nicht nur die OSZE-Staaten und Didier Burkhalter, der derzeit der OSZE vorsitzt, sondern auch die Beobachter selber. Wernle bezweifelt, dass sich alle Beobachter genügend mit den Gefahren auseinandergesetzt hatten, bevor sie entschieden, in die Ostukraine zu reisen.

Zum Profil eines OSZE-Beobachters für die Ukraine gehörten neben der zwingenden Ausbildung und nötigen Erfahrung bei anderen OSZE-Einsätzen unbedingt auch Kenntnisse der russischen Sprache, sagt er.

Im Konflikt erkennt Wernle Parallelen zum Bosnienkrieg der 1990er-Jahre, während dem seine Frau in Geiselhaft serbischer Paramilitärs geraten war und er von der Schweiz aus für ihre Freilassung kämpfte: In der Ukraine versuchten prorussische Separatisten Ähnliches durchzusetzen wie die bosnischen Serben, die seit dem Friedensvertrag von Dayton in der Republika Srpska weitreichende Autonomie geniessen. «Die Separatisten in der Ukraine unternehmen alles, damit sie unter möglichst geringem Einfluss der Zentralregierung in Kiew bleiben und sich die Autonomie unter der Schirmherrschaft Moskaus vergrössert.»

Keiner geht an die Öffentlichkeit

Geiselnahmen, so Wernle, hatten während des Bosnienkriegs eine grosse Bedeutung. Nicht nur bei der Geiselnahme seiner Frau, sondern auch, als wenig später französische Soldaten in serbische Gefangenschaft gerieten. Oder beim Massaker von Srebrenica, dem holländische Blauhelmsoldaten wie gelähmt zusahen, weil die serbischen paramilitärischen Truppen Landsleute in ihrer Gewalt hatten.

Zwar ist die Beobachtermission der OSZE in der Ukraine von Kiew selber wie auch von Moskau abgesegnet, doch ausserstaatliche Akteure, wie die prorussischen Separatisten fühlen sich nicht an Abmachungen gebunden.

Wernle kommt deshalb mit Blick auf die Ukraine zum Schluss: «Das Dispositiv dieser OSZE-Mission ist äusserst labil, fragil und die Beobachter sind höchst gefährdet.» Die Situation ist also ernst. Das verstehen auch die Angehörigen der Schweizer Geisel. Wie sonst ist zu erklären, dass sich kein Bekannter und Verwandter des Entführten an die Öffentlichkeit gewandt hat. Sie haben sich freiwillig einen Maulkorb umgebunden.

Der OSZE-Insider Tobias Wernle ist sich nicht sicher, ob öffentlicher Druck diesmal helfen würde. Bei der Entführung seiner Frau und eines zweiten Schweizers war das anders: Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International und der Sprecher des Haager Kriegsverbrechertribunals rieten den Angehörigen damals – 1995 – zum Gang an die Öffentlichkeit.

Doch für Wernle ist die jetzige Situation ungleich komplizierter. «Damals waren es zwei Schweizer, nun sind es Staatsbürger mehrerer Nationen.» Kommt hinzu: Nicht einmal über die Urheberschaft der Geiselnahme bestehe Gewissheit. Während sich anfänglich der selbst ernannte Bürgermeister von Slawjansk, Wjatscheslaw Ponomarjow zu der Geiselnahme bekannte, sollen laut jüngsten Meldungen russische Kosaken dafür verantwortlich sein.

Auch über die Forderungen der Entführer herrscht offiziell Unklarheit. Für den Ex-OSZE-Mann Wernle ist klar: Solange die Separatisten gegenüber dem Westen und gegenüber Russland ihre eigene Agenda führen, bleibt die Gefahr von Geiselnahmen akut.

Er schliesst: «Ich selber hätte den OSZE-Posten nach dem Bosnienkrieg niemals angetreten, hätten mich Sicherheitsbedenken geplagt.»