Die Tränen kann sie nicht mehr zurückhalten. Annegret Kramp-Karrenbauer läuft die Bühne auf und ab, schlägt immer wieder die Hände vor ihr Gesicht. Es gibt warmen, teilweise frenetischen Applaus der 1001 Delegierten und Hunderten von Gästen, manche jubeln und skandieren ihren Namen. AKK, wie sie genannt wird, ist erleichtert und glücklich zugleich. Sie verspricht, dass sie als Parteivorsitzende dafür sorgen werde, dass sämtliche Flügel in der Partei gleichberechtigt berücksichtig würden, der konservative, der wirtschaftsliberale, auch der progressive. Damit die CDU die «grosse Volkspartei der Mitte» bleibe.

Es ist ein Herzschlag-Finale bei der Wahl um die Nachfolge von Angela Merkel am Freitag in Hamburg. 18 Jahre nachdem Merkel den Vorsitz der Christdemokraten übernommen hat, machte die 64-jährige Kanzlerin am Freitag Platz für einen Neuanfang. Das Votum der Delegierten fällt denkbar knapp aus. 517 Delegierte stimmen für AKK, 482 für den früheren Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz. 51,75 Prozent für die in ihrer Art Merkel sehr ähnlich auftretende AKK, 48,25 Prozent für den wirtschaftsliberalen Kandidaten, der sich zwischen 2004 und 2018 aus der grossen Politik zurückgezogen und in die Wirtschaft verabschiedet hatte. Der amtierende Gesundheitsminister Jens Spahn, 38, fiel nach dem ersten Wahlgang mit dem schlechtesten Resultat der drei Kandidaten aus dem Rennen. Obwohl das Gros aus dem Spahn-Lager im zweiten Durchgang zu Merz wechselte, schaffte AKK hauchdünn die Wahl.

Möglicherweise gaben die beiden Reden der Kandidaten am Ende den Ausschlag. Während AKK emotional und frei referierte, bekundete Merz zu Beginn augenscheinlich Mühe, die Delegierten rhetorisch zu überzeugen. Merz forderte eine «Agenda der Fleissigen» im Land und kündigte an, den Einfluss der AfD zurückzubinden. AKK warb vor allem mit ihrer 18-jährigen Regierungserfahrung auf Landesebene sowie Parteiarbeit zuletzt als Generalsekretärin.
«Natürlich sind einige konsterniert»

Die Wahl ist richtungsweisend, die neue CDU-Vorsitzende hat gute Chancen, dereinst – spätestens 2021 – Angela Merkel im Kanzleramt zu beerben. Die Wahl offenbart auch, wie gespalten die Partei nach 18 Jahren Merkel ist. Eine Hälfte erhoffte sich mit Merz eine Stärkung des konservativ-wirtschaftsliberalen Flügels, die andere Hälfte setzt eher auf Kontinuität und sieht in AKK wegen ihrer Beliebtheit in der Gesamtbevölkerung eine Kandidatin, die der Partei den Machterhalt im Kanzleramt eher sichert als der polarisierend wirkende Friedrich Merz.

Die beiden baden-württembergischen Delegierten Tim Haus, 34, und Ilona Koch, 52 – zwei CDU-Politiker aus dem Kreisverband Esslingen – setzten ihre Hoffnung am frühen Nachmittag in den Kandidaten Merz. Kurz nach 17 Uhr, als das Verdikt feststeht, applaudieren die beiden dem nun ebenfalls auf die Bühne tretenden, unterlegenen Kandidaten, der sich als guter Verlierer präsentiert. Natürlich hätte er gerne gewonnen, sagt Merz, «aber ich muss sagen, es hat auch so enorm Spass gemacht die letzten Wochen». Zugleich ruft er dazu auf, dass sich die Partei nun geeint hinter der neuen Parteivorsitzenden vereint.

Freilich sei er enttäuscht, sagt Tim Hauser. Die Niederlage von Merz sei vor allem für die Basis in Baden-Württemberg eine herbe Enttäuschung. «Bei uns haben 70 Prozent der Parteimitglieder auf Merz gesetzt.» Dass die Partei nun gespalten sei, dass der Zusammenhalt der grössten deutschen Volkspartei nach der Wahl gefährdet sei, stimme nicht, sagt Hauser: «Wir werden die neue Parteivorsitzende an ihren Taten messen, und natürlich sind einige Leute nun konsterniert.» Doch das knappe Ergebnis sei eine Verpflichtung, sämtliche Flügel der CDU einzubeziehen – künftig also das national-konservative Lager, von dem sich die CDU in der Ära Merkel distanziert hat, stärker zu berücksichtigen. Koch fügt hinzu: «Ich bin froh, dass Friedrich Merz nach so langer Zeit nun endlich wieder zurück in der aktiven Politik ist.»

Merkel ist erleichtert

Den offensichtlich zutage getretenen Riss in der Partei wollte kaum ein Delegierter einräumen. «Die Partei ist nicht gespalten, die neue Vorsitzende hat die Einigkeit betont, die beiden unterlegenen Kandidaten haben angeboten, in der neuen CDU mitzuarbeiten», sagt der niedersächsische Finanzminister Reinhold Hilbers. «Ein Riss würde durch die Partei gehen, wenn die drei Kandidaten für jeweils eine komplett andere Politik gestanden wären. Das ist nicht der Fall.»

Als AKK sichtlich gerührt auf die Bühne tritt, erkennt man auch im Gesicht ihrer Vorgängerin Erleichterung. Ein Duo aus den früheren Rivalen Friedrich Merz als Parteichef und Angela Merkel als Kanzlerin wäre sicherlich schwieriger geworden, als es die Zusammenarbeit zwischen der Kanzlerin und AKK verspricht.

Die neue CDU von AKK wird schon bald an Taten gemessen werden. 2019 sind nicht nur Europawahlen, es stehen auch drei Landtagswahlen an.