«Natürlich», sagt Bürgermeister Anatoli Pachomow. Herzlich willkommen in Sotschi! Malerisch verschneite Berge, strahlender Sonnenschein, eine Meeresbrise und kaukasische Gastfreundlichkeit verspricht er. Das passt auch ins selbst gemalte Bild der olympischen Hauptstadt – Homosexuelle nicht.

Darum gibt es sie auch nicht in Sotschi – meint jedenfalls Pachomow. Er mache niemandem Vorschriften, wie er leben solle. Wer schwul sei, sei eben schwul, sagte der Politiker der Kremlpartei Einiges Russland in einem Interview mit der BBC. «Aber hier im Kaukasus, wo wir leben, ist das nicht üblich. Hier gibt es sie nicht», fügte er hinzu.

Laut der russischen Statistikbehörde Rosstat lebten zu Jahresbeginn 368'000 Menschen in Sotschi. Schon aus statistischen Gründen ist es daher sehr unwahrscheinlich, dass die Grossstadt völlig schwulen- oder lesbenfrei ist, wie Pachomow meint. Ein weiteres Indiz gegen die These sind die Gay Clubs, die es in der Stadt gibt, so wie der Club Majak, der laut dem russischen Journal «Afisha» seit 2005 in Sotschi besteht. Wenn es keine Homosexuellen in der Stadt gibt, «warum gehen die Clubs dann nicht pleite», fragt der Oppositionspolitiker Boris Nemzow ironisch.

Putin gibt sich lammfromm

Öffentlich Reklame machen dürfen die Klubs in der Stadt natürlich nicht, weder vor noch während der Olympischen Spiele. Das im vergangenen Jahr erlassene Gesetz, dass die «Propaganda untraditioneller sexueller Beziehungen» unter Minderjährigen verbietet, hat Russlands ohnehin grossteils im Versteckten lebende Homosexuellenszene noch weiter an den Rand gedrängt. Immerhin: Zumachen muss wohl keiner der Klubs während Olympia.

Dort versucht sich der Kreml im Spagat: Einerseits will sich Russland als weltoffenes Land präsentieren – Präsident Wladimir Putin hat bereits in der vergangenen Woche erklärt, dass die Spiele «in völliger Übereinkunft mit der Olympischen Charta stattfinden werden – ohne irgendwelche Diskriminierung». Andererseits sind die Sicherheitskräfte angewiesen, unter allen Umständen Protestaktionen von Homosexuellen zu verhindern, die den schönen Schein stören könnten.

Dabei haben die Sicherheitskräfte ohnehin alle Hände voll zu tun. Gerade ist der olympische Fackellauf auf der Zielgeraden eingebogen. Seit Oktober wird das olympische Feuer durch ganz Russland getragen und hat vielerorts – auch durch die vielen normalen Bürger, die zu Fackelläufern wurden – eine tatsächliche Begeisterung für die Spiele ausgelöst.

Auf den letzten Etappen vor Sotschi allerdings ist diese Bürgerbeteiligung aus Sicherheitsbedenken stark eingeschränkt, schliesslich führen sie durch den Kaukasus, am heutigen Dienstag steht beispielsweise Tschetscheniens Hauptstadt Grosny auf dem Programm. Die Bilder sollen beweisen: Der Kreml hat in der Krisenregion alles unter Kontrolle. Das Aufgebot an Beamten in Uniform und Zivil dafür ist gewaltig.

5500 Überwachungskameras

Und auch Sotschi selbst wird für die Sicherheitskräfte zum Grosseinsatz. Nach den jüngsten Terrordrohungen und den Anschlägen in Wolgograd, die Ende Dezember mehr als 30 Tote und rund 70 Verletzte forderten, sollen für Sotschi rund 60'000 Beamte abgestellt werden.

Auch wenn die USA vor der Terror- und Kriminalitätsgefahr in Sotschi warnen und das US-Aussendepartment die eigenen Athleten beschworen hat, nicht ausserhalb des olympischen Dorfs in Team-Kleidung oder mit der US-Flagge herumzuspazieren: Die russischen Behörden versichern, alles im Griff zu haben. Mit 5500 Kameras und neuester Überwachungstechnik, die das Abhören von Mobilfunkgesprächen und das Mitlesen von E-Mails einschliesst, soll totale Sicherheit gewährleistet werden. Bürgerrechtler kritisieren freilich, dass die Aktionen sich beileibe nicht nur gegen Terroristen, sondern gegen jegliche Art von Kritik richten.