Nahost-Konflikt

In Sarcelle herrscht plötzlich nur noch Gewalt, Hass und Angst

Propalästinensische Jugendliche randalieren in Sarcelles, stecken Abfallcontainer und Geschäfte in Brand.

Propalästinensische Jugendliche randalieren in Sarcelles, stecken Abfallcontainer und Geschäfte in Brand.

Sarcelles war bekannt für ein in Eintracht lebendes Völkergemisch. Jetzt greift aber die Gewalt des Nahost-Konflikts auf die Pariser Vorstadt über. Attackierte Synagogen proben die Selbstverteidigung.

Sarcelles tut, als habe sich nichts verändert. Es ist Markttag, Zirkustag sogar: Ein Lastwagen fährt mit einem müden Löwen im Käfig durch die Banlieue-Strassen und wirbt zu flotter Blasmusik für die nächste Vorstellung des «Cirque de Paris». Die Passanten achten nicht darauf. Schnellen Schrittes gehen sie am Einkaufszentrum Les Flanades vorbei, wo ein beissender Rauchgeruch in der Luft hängt. An der Stelle der Apotheke klafft ein schwarzes Loch. Am Sonntag hatten vermummte Jugendliche hier Feuer gelegt. Die Pizzeria ist mit einer Holzwand vernagelt; der Lebensmittelladen Naouri eine Ruine. Die Randalierer leisteten ganze Arbeit – gezielte Arbeit: Alle Opfer sind Juden. Dazu wurde der Tabakladen eines christlichen Türken geplündert.

Das hat in Sarcelles alles verändert. Ein halbes Jahrhundert lang lebten sefardische Juden aus Nordafrika, katholische Chaldäer aus der Türkei, dazu Spanier, Westafrikaner, Maghrebiner, Inder und Russen friedlich zusammen. Nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 waren Tausende von Immigranten über das Mittelmeer nach Sarcelles nördlich von Paris gekommen.

Immigranten aus 100 Ländern

Schachbrettartig wurden die Wohnblöcke aus dem Boden der Felder gestampft, für Immigranten aus knapp 100 Ländern. Wer zwischen dem Boulevard Albert Camus und der Place Salvador Allende zirkuliert, wähnt sich vielleicht in Frankreich, aber keineswegs in Europa.

Letzte Woche tauchten an den Bushaltestellen plötzlich Flugblätter auf: «Kommt ausgerüstet! Granatwerfer, Feuerlöscher, Schlagstöcke. Besuch des jüdischen Viertels.» Zuvor hatten Pro-Palästinenser und Linksparteien zu einer friedlichen Anti-Israel-Kundgebung aufgerufen. Die Polizei untersagte die Demo wegen der Flugblätter.

Die Schläger kamen trotzdem. Sie steckten Autos, Abfallcontainer und Geschäfte in Brand, zertrümmerten öffentliche Einrichtungen, verletzten Polizisten. Dann nahmen sie Kurs auf die wichtigste Synagoge von «Petite Jérusalem», wie das jüdische Viertel im Volksmund heisst. Die Einheiten der Bereitschaftspolizei waren in der Stadt unterwegs, um den Brandstiftern nachzujagen.

«Wir sind Republikaner»

«Da boten wir 200 unserer eigenen Jungs auf», erzählt David Haik, ein jüdischer Toningenieur, der in der Nähe wohnt. «Sie stellten sich mit Stöcken bewaffnet vor die Synagoge und stimmten die Marseillaise an, als die Krawallmacher anrückten. Die 15 verbliebenen Polizisten hatten fast mehr Angst als wir. Wir sagten ihnen: ‹Wir sind Franzosen und Republikaner. Wenn ihr euch zurückzieht, verteidigen wir uns selber.›» Schliesslich rückte polizeiliche Verstärkung an, die Synagoge bleib intakt – anders als in einzelnen Pariser Vororten, wo Molotowcocktails gegen jüdische Gotteshäuser geworfen wurden. Innenminister Bernard Cazeneuve besuchte Sarcelles zu Wochenbeginn und erklärte: «Wenn man eine Synagoge angreift oder einen Laden anzündet, weil er einem Juden gehört, begeht man einen antisemitischen Akt.»

Georges Haddad, Ehrenpräsident des Fussballclubs Maccabi Sarcelles, relativiert: «Sie wollten Juden verprügeln, aber sie warfen auch Brandsätze gegen eine Polizeiwache und eine Renault-Garage. Vor einem Jahr verwandelten die gleichen Krawallmacher die Meisterfeier des Klubs Paris Saint-Germain in einen Krawall. Beim Freundschaftsspiel Frankreich - Algerien pfiffen sie die Marseillaise aus. Der Nahostkonflikt ist nur ein weiterer Vorwand.»

Ein explosiver Mix

Das ändert nichts an der Gewalt und dem Hass, die in Sarcelles aufgebrochen sind – ob sie sich nun gegen jüdische oder französische Symbole richten. Mamadou Gassama, der Vorsteher des moslemischen Vereins von Sarcelles, meint: «Wenn sich viele Jugendliche mit Palästina identifizieren, erklärt das nicht alles. Die neuen Spannungen rühren auch von der Wirtschaftskrise in Frankreich her. Sie trifft zuerst die Schwächsten, die weder zur Schule gehen noch arbeiten; und sie nährt über die Medien den sozialen Neid.» Gassama meint, sein Verein versuche alles, um die Hitzköpfe zu beruhigen. Besonders zuversichtlich klingt er dabei aber nicht. Zu explosiv ist der Banlieue-Mix aus Nahost-Konflikt und Wirtschaftsnot.

«Diese Schläger haben am Sonntag auch unsere Wohnsiedlung heimgesucht», sagt Bechir, ein junger Tunesier, der vor der Apotheke für eine Sicherheitsfirma Wache schiebt. «Das war nicht zum ersten Mal, aber erstmals hatte ich selber Angst.»

Angst – das neue Gefühl in Sarcelles. «Ich befürchte, dass sie zurückkommen», meint auch Marc, der vor der Synagoge diskutiert. «Die nächste Anti-Israel-Demo ist von der Regierung zugelassen, und ich frage mich, ob das die Randalierer beruhigt.»

Laute Zirkusmusik unterbricht ihn. Der Löwe macht nochmals die Runde, stoisch und ahnungslos.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1