Frankreich

In Dijon toben seit Tagen Strassenschlachten – und die Polizei ist hoffnungslos überfordert

Heftige Ausschreitungen in Vorstadt von Dijon

Heftige Ausschreitungen in Vorstadt von Dijon

In der französischen Stadt Dijon kommt es seit Tagen zu Krawallen zwischen Tschetschenen und Drogenhändlern. Die Polizei schreitet nur zögernd ein.

Schweizer Reisende kennen von Dijon die Weinkeller, die Gastromesse und die schmucken Fachwerkhäuser. Jetzt kommen aber ganz andere Bilder aus dem schönen Burgund: Bilder von nächtlichen Krawallen, Schüssen aus Kalaschnikows und Autos, die wie im Action-Film „Fast and furious“ durch die Luft fliegen. Worüber die Franzosen am meisten staunen: Die Polizei schaute dem wilden Treiben tagelang zu.

Begonnen hatte offenbar alles mit einem Streit im Arbeiterviertel Grésilles, wo Drogenhändler einen 16-jährigen Jugendlichen tschetschenischer Herkunft spitalreif schlugen. Das scheint einen latenten Frust über das Diktat der Dealer zum Ausbruch gebracht zu haben. Familienangehörige des Verletzten trommelten auf jeden Fall in ganz Frankreich und offenbar auch aus Deutschland Landsleute zusammen.

Mit Schlagstöcken und anderen Waffen ausgerüstet, suchte die Hundertschaft am Wochenende das Wohnviertel auf und lieferte sich dort mit den maghrebinischen Dealern eine Strassenschlacht. Schüsse wurden abgegeben, wobei der Inhaber einer Pizzeria einen Rückenschuss erlitt. Autos gingen in Flammen auf, städtisches Mobiliar wurde zerstört. Als ein Personenwagen versuchte, die Gruppe der Tschetschenen zu rammen, verursachte er selber einen Unfall; der Fahrer wurde von den Angegriffenen bewusstlos geschlagen.

Die hoffnungslos überforderte Polizei konnte die Krawalle zuerst nur aus der Distanz verfolgen. Eine zweite und dritte Nacht der Gewalt folgte, bis die Vorgänge eine landesweite Beachtung fanden. Erst jetzt schickte Innenminister Christophe Castaner Verstärkung. Eine Kompanie der CRS-Bereitschaftspolizei stellte in der Nacht auf Dienstag eine gewisse Ruhe her.

Am Dienstag riefen Vertreter der tschetschenischen Gemeinschaft zur Ruhe auf. Einer ihrer Sprecher, Chamil Albakov, erklärte französischen Medien, seine Landsleute wollten nur in Ruhe leben, ohne dem Gesetz der Dealer gehorchen müssen. Er bedauerte, dass die Polizei einzelne Wohngebiete „aufgegeben“ habe. „Unsere Leute haben keine Angst. Sie sind überzeugt, dass die Polizei nichts unternommen hätte, um die Autoren der Aggression zu finden.“ Die in Frankreich lebenden Tschetschenen sind nicht sehr zahlreich, leben aber untereinander in enger Tuchfühlung; viele arbeiten als Supermarkt- oder Nachtwächter. Die Tschetschenien-Expertin Heda Inderbaeva erklärte, diese Gemeinschaft suche ein gutes Auskommen mit der Polizei. „Aber man muss ihnen beibringen, dass Frankreich nicht Russland ist.“

Ein politisches Echo fanden die Krawalle durch den Besuch der Rechtspopulistin Marine Le Pen. Bei einer Pressekonferenz in Dijon erklärte sie am Dienstag, schuld an den Krawallen sei auch die „Untätigkeit“ der Regierung von Emmanuel Macron. Der Geheimdienst habe zweifellos schon vergangene Woche von der Ankunft bewaffneter Tschetschenen aus Deutschland gehört, aber nichts unternommen. Die ehemalige Präsidentschaftskandidaten schilderte, dass sich viele Einwohner dieser Arbeiterviertel bei lokalen Drogenhändlern mit einer Identitätskarte ausweisen müssten, um in ihre Wohnung zu gelangen. Was sie selber dagegen unternehmen wollte, vermochte Le Pen aber auch nicht zu sagen.

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