China

In China boomt das Geschäft mit dem eigenen Nachwuchs

Vierlinge hebeln bereits jetzt die chinesische Ein-Kind-Politik von 1981 aus.

Vierlinge hebeln bereits jetzt die chinesische Ein-Kind-Politik von 1981 aus.

Menschenräuber entführen Kinder auf der Strasse. Müttern verkaufen nach der Geburt ihre Säuglinge. Zahlungswillige Paare kaufen sich ihren Nachwuchs. In China blüht der Kinderhandel. Schuld daran ist die Ein-Kind-Politik. Sie soll 2015 wegfallen.

In den 1980er-Jahren kursierten Geschichten über Kriminelle in Südchina, die Kinder entführten, um sie dann an anderen Orten zum Betteln auf die Strasse zu schicken. Ob es diese grausamen Kinderhändler tatsächlich gegeben hat oder ob Eltern diese Geschichten ihren Kindern bloss erzählten, damit sie nicht wegrennen, lässt sich nicht mehr nachprüfen. In den vergangenen Jahren ist der Raub von Kindern und der Handel mit ihnen in China jedoch zu einem realen Massendelikt geworden – und zwar landesweit.

In der letzten Dezemberwoche hat die chinesische Polizei in einer gross angelegten Aktion einen Kinderhändlerring gesprengt. 89 Kinder hat sie aus den Händen der Verbrecher gerettet. Bei der Razzia in neun Provinzen vor allem im Süden des Landes nahm sie 355 Verdächtige fest, darunter auch einen Beamten der Behörde für Familienplanung und einen ranghohen Amtsträger in der Provinz Fujian. Trotz strenger Strafen blühe der Kinderhandel, wird einer der zuständigen Kriminalbeamten in Fujian von chinesischen Zeitungen zitiert. Die Profite seien zu verlockend.

In drei Jahren 54000 Kinder befreit

Tatsächlich ist die jüngste Razzia kein Einzelfall in China. Im Juli hatten Polizisten in einer viertägigen Aktion in 15 Provinzen gleich zwei Kinderhändlerringe zerschlagen und 181 Kinder befreit. Damals nahm die Polizei sogar 802 Verdächtige fest. Und auch das war nur ein Tropfen auf dem heissen Stein.

Offiziellen Angaben zufolge haben in den letzten drei Jahren Sicherheitskräfte über 11000 Kinderhändler-Netzwerke ausfindig gemacht und 54000 Mädchen und Jungen befreit. Wie viele dieser Kinderhändler unentdeckt bleiben, vor allem aber die Frage, wie viele Kinder sich noch immer in der Hand von solchen Kriminellen befinden – dazu gibt es nicht einmal annähernd realistische Schätzungen. Die Zahl der vermissten Kinder schwankte in den vergangenen Jahren zwischen 30000 und 60000 im Jahr. Fest steht: Der Handel mit Kindern ist in China ein weitverbreitetes und hochprofitables Geschäft.

Hohe Nachfrage nach Buben

Ein wesentlicher Grund, warum Kinderhandel ausgerechnet in China so blüht, hängt unmittelbar mit der Ein-Kind-Politik der chinesischen Führung zusammen. 1981 eingeführt, um das rasante Bevölkerungswachstum aufzuhalten, ist ein Nebeneffekt dieser restriktiven Familienpolitik die hohe Nachfrage nach Knaben. Vor allem auf dem Land werden in vielen Familien noch immer männliche Nachkommen bevorzugt und er deswegen auch gekauft. Umgekehrt fällt es vielen Familien leicht, ihre Töchter gegen einen geringen Preis wegzugeben.

«In besonders unterentwickelten Regionen bieten arme Bauernfamilien ihre männlichen Babys für 30000 Yuan zur Verfügung», berichtet der Politologe Hu Xindou von der Technischen Universität in Peking. Das sind umgerechnet 4400 Franken. Die Kinderhändler würden sie dann für das Mehrfache in reicheren Provinzen weiter verkaufen. Ältere Kinder werden auch häufig als Arbeitskräfte angeboten.

Wie organisiert diese Kinderhändlerringe vorgehen, zeigt der Fall vom letzten Sommer. Polizisten hatten nach einem anonymen Hinweis in der Provinz Henan zunächst vier Kinderhändler aufgegriffen und vier Säuglinge gerettet. Bei den Verhören merkten die Fahnder: Hinter den Händlern steckt ein grösseres Netz. Sie stiessen daraufhin auf vier Geburtenkliniken, in denen Spitalmitarbeiter und Zwischenhändler Babys aus armen Familien unmittelbar nach der Geburt an zahlungswillige Paare verkauften.

Reiche Ehepaare kaufen sich Sohn

Die Pekinger Zeitung «Xinjingbao» berichtet, die Menschenhändler hätten für Jungs zwischen 10650 und 12250 Franken geboten. Die weniger nachgefragten Mädchen kosteten zwischen 4500 und 7600 Franken. Die Preise seien innerhalb nur eines Jahres deutlich gestiegen, wird ein Kriminalbeamte zitiert. Zwar hat die chinesische Führung striktere Regeln für Auslandsadoptionen eingeführt, sodass zumindest der Kinderhandel ins Ausland zurück gegangen ist. Doch inzwischen gibt es in China selbst immer mehr wohlhabende Ehepaare, die kinderlos bleiben und sich ihren Sohn erkaufen.

Ist ein Kindlerhändlerring erst mal zerschlagen, hören die Probleme für die betroffenen Kinder keineswegs auf. Denn oft erweist sich die Suche nach den leiblichen Eltern als sehr schwierig. Zwar versucht die Polizei auch in China mithilfe einer DNA-Datenbank die Eltern ausfindig zu machen. Viele der Kinder landen dennoch in Heimen und Waisenhäusern.

Kinderhändlern droht Todesstrafe

Angesichts der vielen Fälle hat die Politik angekündigt, mit noch mehr Polizeieinsätzen gegen die Kinderhändler vorzugehen. Wer auffliegt, dem ist die Todesstrafe sicher. Experten jedoch bezweifeln, dass drakonische Strafen abschrecken. Viel mehr setzen sie auf das Ende der Ein-Kind-Politik. Und das steht unmittelbar bevor. Bauern auf dem Land dürfen inzwischen ein zweites Kind bekommen, wenn das erste ein Mädchen ist. In den Städten sind zwei Kinder erlaubt, wenn beide Elternteile bereits Einzelkinder waren. Ab 2015 sollen die Restriktionen ganz wegfallen – und damit vielleicht auch der Raub und Handel mit Kindern.

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