Studie

In Brüssels Skandalviertel Molenbeek hat die Polizei einen schlechten Ruf

Auf dem Markt in Molenbeek: Wie tickt das Viertel, aus dem drei der vier Attentäter des 22. März kamen und 47 Jugendliche nach Syrien gingen?

Auf dem Markt in Molenbeek: Wie tickt das Viertel, aus dem drei der vier Attentäter des 22. März kamen und 47 Jugendliche nach Syrien gingen?

Das Skandalviertel von Brüssel wurde von Soziologen untersucht. Sie führten über 400 Interviews.

Spätestens seit den verheerenden Terroranschlägen vom 22. März, bei denen 35 Menschen getötet und über 300 verletzt wurden, gilt das Brüsseler Stadtviertel Molenbeek als Hort für Islamisten und IS-Unterstützer. Drei der vier Attentäter stammen von hier. Auch mehrere der Paris-Terroristen wohnten in Molenbeek. 47 Personen trägt allein dieses Viertel zum belgischen Dschihadisten-Kontingent in Syrien bei. Auf den Strassen sind viele verschleierte Frauen unterwegs, Lebensmittelgeschäfte verkaufen Halal-Waren.

Wenn man eine Parallelwelt sucht, kann man in Molenbeek durchaus fündig werden. Doch wie lebt es sich wirklich hier? Wie denken die knapp 100 000 Einwohner über Islamismus und die westliche Gesellschaft? Das wollte eine breit angelegte Befragung des «European Institute of Peace» herausfinden, einer Stiftung zur Friedensförderung, an der sich auch die Schweiz beteiligt. Dazu wurden über 400 Interviews in den besonders problematischen Gegenden rund um das «Centre Historique» und das «Quartier Maritime» durchgeführt.

Bis zu 80 Prozent der Bewohner weisen einen Migrationshintergrund auf. In den Gesprächen gaben sie an, dass es vor allem die Perspektivlosigkeit sei, die die jungen Männer in den gewaltbereiten Extremismus treibe. Viele der Jugendlichen, von denen jeder Zweite ohne Arbeit ist, meinen, dass ihnen eine Ausbildung nichts bringe, weil sie ohnehin wegen des Namens, des Aussehens oder der Postadresse ausgegrenzt würden. Sie fühlen sich isoliert vom Rest der belgischen Gesellschaft. Und das sind sie zumindest teilweise auch.

Die Befragung stellte fest, dass die Gemeinschaften in Molenbeek sehr abgeschlossen sind. Es werden kaum Beziehungen zu Leuten ausserhalb der eigenen Gruppe, in vielen Fällen nicht einmal ausserhalb der Familie unterhalten. Von vielen Befragten wird dies auch als Problem betrachtet.

Konfliktpotenzial: Islam im Alltag

Manche Eltern sorgen sich zudem über die «perversen Einflüsse», denen ihre Kinder in der individualisierten Gesellschaft ausgesetzt seien. Die meist aus Nordafrika stammenden Muslime Molenbeeks sind eher konservativ eingestellt. Islamische Verhaltensregeln im Alltag haben einen hohen Stellenwert. Hier sehen die Befragten Konfliktpotenzial mit belgischen Werten. Beispielsweise das Verbot der Tierschlachtung nach islamischem Ritus oder auch das Verhüllungsverbot vieler Arbeitgeber seien diskriminierend.

Trotz einem konservativen Weltbild grenzen sich die Befragten aber klar von religiösem Extremismus ab. Radikaler Islamismus wird als bewusste Entstellung von Religion verurteilt. 70 Prozent gaben an, mit Traurigkeit, Wut oder Bestürzung reagiert zu haben, als sie hörten, dass jemand aus der Nachbarschaft nach Syrien gereist sei. Über die späteren Attentäter sagten viele, dass sie «keine Ahnung» vom Islam hatten. Sie wünschten sich denn auch mehr religiöse Bildung und die Förderung von Dialog.

Doch wie ein solcher Dialog angestossen werden soll, ist unklar. Denn den Bewohnern von Molenbeek fehlt es grundlegend an Vertrauen in die Institutionen. Die Polizei wird als ineffizient und als bevölkerungsfern beschrieben. Interessanterweise vertrauen viele aber auch den Imamen kaum. Diese werden als ewiggestrig und als unfähig, die Jugend zu erreichen, beschrieben. Dieses Vakuum machten sich die religiösen Extremisten zunutze.

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