Mauerfall-Serie

In Berlin fällt die Mauer: So schaffte es Aram Radomski als erster über die Grenze

Nach 28 Jahren der Trennung begannen die Berliner nach der Grenzöffnung am 9. November 1989, die Mauer zu demontieren. Ehemalige DDR-Grenzsoldaten schauen ihnen belustigt zu.

Nach 28 Jahren der Trennung begannen die Berliner nach der Grenzöffnung am 9. November 1989, die Mauer zu demontieren. Ehemalige DDR-Grenzsoldaten schauen ihnen belustigt zu.

Seine Fotos und Filmaufnahmen der Massenproteste haben den DDR-Bürgern in den letzten Tagen vor dem Mauerfall Mut gemacht. Doch als der Staatskritiker Aram Radomski am 9. November 1989 über die Grenze in den Westen kam, war er zuerst einmal enttäuscht.

Aram Radomski steht an diesem verregneten Oktobervormittag 2019 an der Bornholmer Strasse in Berlin, kurz vor der «Bösebrücke». Doch so nennt sie hier niemand. Im Volksmund heisst der Übergang schlicht Bornholmer Brücke. Nasskalt, viel Verkehr, dazu dieser ständige Wind. Die Strasse über die Brücke führt vom östlichen Ortsteil Prenzlauer Berg nach Wedding in Westberlin. Da, wo heute ein Lidl-Einkaufszentrum steht, geschah vor 30 Jahren Historisches. Der Grenzübergang Bornholmer Strasse, damals einer von acht Grenzübergängen zwischen Ost- und Westberlin, war am Abend des 9. November die erste Stelle, an der die Berliner Mauer geöffnet wurde.

Aram Radomski, 2019 an der Bornholmer Strasse.

Aram Radomski, 2019 an der Bornholmer Strasse.

Aram Radomski ist damals im Herbst 1989 gerade 26 Jahre alt. Ein selbstbewusster junger Mann, der längst im Visier der DDR-Staatssicherheit (Stasi) ist. Seit Wochen schaut sich Radomski bei jeder Gelegenheit die Pressekonferenzen des Politbüros des Zentralkomitees im DDR-Staatsfernsehen an. Die Auftritte der sozialistischen Führer Ostdeutschlands sind eine staubtrockene Angelegenheit. Radomski hört trotzdem zu. Er will Antworten der Staatsführung auf die wachsende Unruhe in der Bevölkerung.

Seit Anfang Oktober rufen in Leipzig Zehntausende jeden Montag «Wir sind das Volk». Am 4. November 1989 versammelten sich auf dem Berliner Alexanderplatz bis zu einer Million DDR-Bürger, die sich für Reisefreiheit, Meinungsfreiheit und Pressefreiheit im Arbeiter- und Bauernstaat einsetzten. Auch an diesem denkwürdigen 9. November 1989, einem Donnerstag, sitzt Radomski mit seiner Freundin in seiner Wohnung im ostdeutschen Prenzlauer Berg vor dem Fernseher. Über den Sender läuft die Pressekonferenz mit Politbüromitglied Günter Schabowski. Das übliche Gerede, Beamtendeutsch.

© CH Media

Irgendwann beginnt Schabowski über die geforderte Reisefreiheit zu sprechen. Das Zentralkomitee der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) habe eine Regelung getroffen, die «es jedem Bürger der DDR möglich macht, über Grenzübergangspunkte der DDR auszureisen», sagt Schabowski, seit gerade mal drei Tagen im Amt als Sekretär für Informationswesen. Ein Journalist fragt nach, ab wann die Regelung gelte. Schabowski kramt überfordert in seinen Dokumenten, stammelt dann kurz vor 19 Uhr: «Das tritt nach meiner Kenntnis... ist das sofort, unverzüglich.»

Mit Haftstrafen die Kritiker brechen

Aram Radomski ist ein kritischer Geist in der damaligen DDR. Sein Vater war der regimekritische Schriftsteller Gert Neumann. Radomski selber teilt die Kritik am System. 1983 wird er erstmals verhaftet. Sechs Monate sitzt er im Knast, für eine Prügelei mit Stasi-Mitarbeitern. Eine Rauferei, die vom Staatsapparat angezettelt worden war, um dem aufmüpfigen Radomski eine Lektion zu erteilen und zugleich den Vater einzuschüchtern. Das erfährt Radomski nach dem Mauerfall beim Durchblättern seiner Fiche, die die DDR über ihn und Tausende andere kritische Bürger heimlich anlegen liess.

In der Nacht vom 10. November klettern Ostberliner über die Mauer.

In der Nacht vom 10. November klettern Ostberliner über die Mauer.

Während Radomski in Haft sitzt, wird seine Freundin, eine aus der Mongolei stammende Gaststudentin, aus der DDR verwiesen. Er hat sie seither nie wieder gesehen.

Doch die Haft bricht ihn nicht. Im Gegenteil. Radomski beschliesst, sich gegen die sozialistische Diktatur zu wehren. Schon bald spannt er mit dem Kameramann Siegbert Schefke zusammen. In Fotos und Videoreportagen halten die beiden in heimlichen Aufnahmen den Zerfall historischer Stätten in der DDR fest, die Auswirkungen der Umweltzerstörung auf das Land, den sich formierenden Widerstand.

Die Aufnahmen übergeben Radomski und sein Kollege westdeutschen Journalisten. Diese schmuggeln die exklusive Ware nach West-Berlin, wo Fernsehmagazine und Zeitungen über die Ereignisse im Bauern- und Arbeiterstaat berichten. Fast jeder DDR-Bürger schaut West-Fernsehen, für viele bedeuten die Berichte des Westens eine erste kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen, von der SED-Propaganda dominierten Staat.

Am 9. Oktober 1989 gelingen Radomski und seinem Kamerakollegen ihre wohl bedeutendsten Aufnahmen. Die beiden klettern auf den Turm der Leipziger Nikolaikirche. Sie filmen die damals grösste Montagsdemonstration gegen das SED-Regime. 70'000 Bürger laufen durch die Strassen und skandieren: «Wir sind das Volk.» Die Staatsmacht schaut hilflos zu und lässt die Demonstranten gewähren.

Wie Angela Merkel zu ihrem ersten Büchsenbier kam

Radomskis Filmaufnahmen schaffen es noch am selben Abend dank Mittelsmännern in den Westen. Tagesthemen, CNN und auch das Schweizer Fernsehen: Alle strahlen die heimlich gedrehten Aufnahmen am nächsten Tag aus. Radomski, der junge DDR-Kritiker, geht ein hohes Risiko ein. Fliegt er auf, drohen ihm und seinem Kollegen jahrelange Haftstrafen.

Die Videosequenzen der Leipziger Montagsdemonstration verpassen ihre Wirkung nicht. Die Bilder mobilisieren die Regimekritiker im Land noch mehr. Viele Menschen, auch solche, die zuvor eher angepasst ihr Leben gelebt haben, verlieren die Angst vor der Staatsmacht. «Die Menschen in der DDR haben die Kraft dieser Demonstration gesehen. Das hat vielen Mut gemacht», erinnert sich Radomski.

30 Jahre Berliner Mauerfall

30 Jahre Berliner Mauerfall

Genau einen Monat später, am 9. November 1989, geht Radomski nach der Schabowski-Pressekonferenz in seine Stammkneipe Metzer Eck. Sein Kamerakollege Siegbert Schefke ist auch schon da. Sie sagen sich: Das war schon sehr speziell, was der Schabowski da von sich gegeben hat. «Lass mal gucken gehen», meint Radomski.

Bei der Bornholmer Strasse kommen ihnen ein paar Dutzend Menschen entgegen und sagen: «Ist nix, falscher Alarm.» So rasch lassen sich Radomski und Schefke aber nicht von ihrem Plan abbringen. Der 26-jährige Radomski stellt sich vor einen Grenzsoldaten und verlangt rotzfrech, mit dem diensthabenden Offizier zu sprechen. Der tritt tatsächlich hinaus. Es ist Harald Jäger.

Jäger ist überfordert mit der Situation. Der Stasi-Offizier sagt zu Radomski: «Wenn Sie wünschen, können Sie ausreisen.» Jäger will die besonders Renitenten, die Störenfriede über die Grenze lassen, Druck aus dem Kessel nehmen, die Sache beruhigen. Radomski und Schefke sind die ersten, die am Grenzer vorbei über den Grenzübergang Bornholmer Strasse in den Westen gehen. Es ist etwa 22 Uhr.

Tagesschau-Ausgabe zum Mauerfall vom 9. November 1989

Tagesschau-Ausgabe zum Mauerfall vom 9. November 1989

Die heutige Bundeskanzlerin Angela Merkel wird es Radomski und Schefke Stunden später gleichtun. Merkel ist damals 35, Physikerin und wie jeden Donnerstag in der Sauna. Als sie herauskommt, ist der Zug gen Westen bereits im Gang. Mit vielen Tausend anderen marschiert die heutige Kanzlerin über die Bornholmer Brücke. In irgendeiner Wohnung in Westberlin bekommt sie ihr erstes West-Bier. «Ich weiss noch, so ein Büchsenbier – das war mir sonst nicht so vertraut.»

Radomski und Schefke machen ihre ersten Schritte auf der anderen Seite der Mauer. Ihre Personalausweise wurden abgestempelt, damit sind sie offiziell ausgebürgert. Es gibt kein Zurück mehr. Radomski ist es kurz mulmig zumute. Ausgebürgert. Trotz aller Kritik an der DDR: Dort ist sein Zuhause, sein Bett, seine Freundin, seine Familie, seine Stadt. «Haben wir jetzt Scheisse gebaut?», schiesst es ihm durch den Kopf.

«Das sah so trist aus wie im Osten»

In der Tasche haben die beiden 100 West-Mark, viel Geld für einen Ost-Berliner. Sie haben es sich verdient mit ihren Videoreportagen fürs Westfernsehen. Die jungen Männer laufen ein paar Meter über die Brücke, da stehen zwei Taxis, Marke Mercedes. «Da wusste ich: Wir sind im Westen», sagt Radomski. Ein einzelner Mann steht da mit einer Videokamera. Die Medien haben auch im Westen noch nicht kapiert, was hier gleich los sein wird.

Radomski und Schefke steigen in ein Taxi, geben eine Adresse in Schöneberg an, dort leben Bekannte von ihnen. «Ich würde an Ihrer Stelle heute hierher zurückfahren, könnte ein guter Abend werden für Sie», sagt Radomski zum Taxifahrer. Die Fahrt führt an diesem nebligen Novemberabend durch den menschenleeren Bezirk Wedding. «Das sah so trist aus wie im Osten», erinnert sich Radomski und lacht. Im Kopf hatte er die Bilder vom bunten Kurfürstendamm mit seinen Leuchtreklamen, Kinos, Theatern und Kneipen.

Radomski und Schefke wecken die Kumpels in Schöneberg, zusammen fahren sie nach Kreuzberg in eine Kneipe. Da wird gebechert und sich zugeprostet. Zu dem Zeitpunkt hat Stasi-Offizier Jäger oben an der Bornholmer Strasse schon den Befehl durchgegeben: Grenzbaum hoch, wir fluten. Die Kneipe in Kreuzberg wird von Minute zu Minute voller, erinnert sich Radomski. Berlin hatte jetzt begriffen, dass heute Weltgeschichte geschrieben wird.

Schefke und Radomski schlagen sich die Nacht um die Ohren. Mit Brummschädel geht es morgens um sechs zurück in den Prenzlauer Berg. Die Grenze, die die Stadt 28 Jahre lang geteilt hat, ist offen. Auf dem Heimweg sieht er an einer Litfasssäule einen Zettel: «Bin Westberliner, suche Wohnung im Osten.» Hatte er keine Angst an diesem Abend an der Grenze? Dass die Staatsmacht doch die Waffen erheben wird? Radomski nippt an seinem Cappuccino in einem Café nahe der Bornholmer Brücke und sagt: «Nein. Die Angst hatte zu dem Zeitpunkt schon längst die Seite gewechselt.»

«Es lief alles viel profaner, als man denkt. Ein paar Fragen stellen an der Grenze und beharrlich sein, dann waren wir schon im Westen», erzählt der 56-jährige Radomski. «Das Spektakuläre hat sich vorher zugetragen, bei den Demonstrationen in Leipzig und in Berlin.»

1990 kommt aus: Die Stasi wusste alles. Warum hat sie nicht reagiert?

Nach der Wiedervereinigung 1990 steigt Radomski ins Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde, liest die Fichen durch, die der Staat über ihn angelegt hat. Einer ihrer Freunde von damals, das findet er heraus, hat für die Stasi gearbeitet. Die Stasi wusste alles, von den Filmen, den heimlichen Aufnahmen, den Schmugglern. Warum er und Schefke von der Staatsmacht nicht gestoppt wurden, als sie verbotenes Filmmaterial in den Westen verkauften, ist Radomski bis heute unklar. Vielleicht wollte die Stasi das Duo weiterarbeiten lassen, um an noch grössere Fische zu kommen. «Vielleicht aber wollten einige Leute bei der Stasi die DDR auch reformieren und liessen uns deshalb gewähren», sagt Radomski.

Der Frage, ob er stolz ist auf seinen Beitrag zur friedlichen Revolution, weicht er aus. «Was beim Fall der Mauer geschehen ist, war die Konsequenz dessen, was in den Monaten zuvor im Land vor sich gegangen war.» Bescheiden fügt Radomski an: «Wir hatten Einfluss darauf, dass sich die Vorgänge in der DDR beschleunigt haben.» Dass ihn die Staatsmacht bespitzeln liess und ihn in Haft steckte, hat er verarbeitet. «Hass kenne ich nicht», sagt er. Nach einer Pause fügt er hinzu: «Es hat aber auch niemand Verantwortung übernommen und sich bei mir entschuldigt.»

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