Ein Fall von religiösem Mobbing an einer Berliner Grundschule sorgt derzeit für heftige politische Reaktionen. Eine Schülerin der zweiten Primarschulstufe wurde von muslimischen Mitschülern mehrfach angepöbelt, weil sie nicht an Allah glaubt. Dass das Mädchen jüdisch ist, haben die Mitschüler zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst. Erst als auch ihre jüdischen Wurzeln bekannt geworden waren, wurde die Schülerin verbal attackiert und auf dem Pausenhof als «Jude» beschimpft.

Durch den jüngsten Fall an einer Berliner Schule wird eine Debatte um Antisemitismus und religiöses Mobbing an Schulen erneut angestossen. Der innenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, Karsten Woldeit, warnt vor einer zunehmenden Radikalisierung muslimischer Schüler: «Es gehört zur Wahrheit, dass es sich dabei auch zum Grossteil um einen importieren Antisemitismus handelt.» Besorgt zeigt sich auch der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster. Die Judenfeindlichkeit an Berliner Schulen sei ein stark wachsendes Problem. «Immer häufiger werden antisemitische Vorfälle bekannt, die von muslimischen Schülern ausgehen. Das ist zutiefst beunruhigend und erfüllt mich mit grosser Sorge», sagt Schuster.

Marcus Funck vom Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin (TU), rät indes zur Besonnenheit. «Die aktuell um sich greifende Skandalisierung des Vorfalls ist problematisch», sagt Funck. Beim vorliegenden Fall handle es sich in erster Linie um Mobbing, da die jüdischen Wurzeln der Schülerin zunächst gar nicht bekannt gewesen seien. Judenfeindlichkeit unter Muslimen, insbesondere unter den in den letzten Jahren zugewanderten Muslimen existiere aber tatsächlich.

Bildungsoffensive gefordert

Trotz der zunehmenden Zahl antisemitischer Vorfälle an Berliner Schulen warnt Funck davor, pauschal von «importierter Judenfeindlichkeit» zu sprechen. «Importierter Antisemitismus würde voraussetzen, dass es diese Form von Judenfeindlichkeit zuvor in Deutschland nicht gegeben hat. Das ist nachweislich falsch.» Im arabischen Raum verbreitete, klassische judenfeindlichen Einstellungen – aufgrund der politischen Verwerfungen im Nahen Osten – würden in Europa auf den historisch gewachsenen Antisemitismus stossen «und sich hier in Deutschland, aber auch in Europa neu verbinden».

Ein Indiz für den vor allem politisch motivierten Antisemitismus der arabischen Zuwanderer sei die in Wellen aufbrechende Judenfeindlichkeit in Deutschland bei besonderen Ereignissen. «Wenn es im Nahost-Konflikt zu Zusammenstössen zwischen Palästinensern und Juden kommt, dann zeigt sich die Judenfeindlichkeit der arabischen Zuwanderer bei uns in besonders hohem Masse.»

Funck sieht einen Ausweg aus dem religiösen Mobbing an Schulen über Bildungsprogramme. Er fordert, dass der Geschichtsunterricht ausgebaut wird – und die Geschichte über den Holocaust mit der Gegenwart verknüpft werde. «Dabei sollte Diskriminierung thematisiert werden, der sich auch viele arabischstämmige Mitschüler ausgesetzt sehen.» Auch müsse ein Zusammenhang zwischen der Gründung des Staates Israel mit dem historisch gewachsenen Antisemitismus in Europa hergestellt und die Gründe für den Nahostkonflikt müssten erläutert werden.