Coronavirus

Im Libanon tobt das Volk, in Syrien sind Millionen bedroht: Corona bringt den Nahen Osten ins Wanken

Ein Mann wird im Libanon auf das Coronavirus getestet.

Ein Mann wird im Libanon auf das Coronavirus getestet.

Die Menschen in Syrien und im Jemen leiden bereits unter langjährigen Kriegen - die Pandemie stürzt nun die gesamte Region ins Unglück.

1 Türkei bangt um die Wirtschaft

In dieser Woche hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan erklärt, es sei «korrekt», dass Homosexuelle für den Coronaausbruch mitverantwortlich seien. Bis dahin hatte sich Erdogan eher zurückgehalten und seinem blass wirkenden Gesundheitsminister als obersten Corona-Bekämpfer in den Vordergrund geschoben. Dessen Strategie wirkt halbherzig und unentschlossen.

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Die Pandemie mit inzwischen über 3000 Toten hat die schwere Wirtschaftskrise, unter der die Türkei bereits vor Corona litt, weiter verschärft. Um seine politische Zukunft nicht zu gefährden, muss Erdogan einen Zusammenbruch der Wirtschaft unbedingt verhindern. Bereits im Spätsommer sollen daher wieder ausländische Touristen in die Türkei kommen.

2 Wird Syrien zum Coronahotspot?

Allein in der von Extremisten kontrollierten Provinz Idlib leben mehr als eine Million Flüchtlinge in völlig überfüllten Zeltlagern. Die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Kaum besser ist die Lage für die mehr als drei Millionen ständigen Einwohner von Idlib. Ein grosser Teil der Spitäler wurde bei russischen Luftangriffen oder Attacken der Assad-Armee zerstört. 150 Intensivbetten mit Beatmungsgeräten wurden unlängst in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden aufgestellt.

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Corona-Fälle wurden in Idlib bisher nicht registriert. Getestet werden konnten aber erst wenige Hundert Menschen. «In wenigen Wochen oder gar früher», so Hilfsorganisationen, werde das Virus Idlib erreichen. Die noch immer umkämpfte Provinz könnte dann zur «weltweit schlimmsten Coronaprovinz» werden, befürchtet das New Yorker «International Rescue Committee».

Video-Interview mit Korrespondent Michael Wrase:

Skype-Interview: 10 Minuten mit dem langjährigen Nahost-Korrespondenten Michael Wrase

Skype-Interview: 10 Minuten mit dem langjährigen Nahost-Korrespondenten Michael Wrase

3 Im Libanon tobt das Volk

In der nordlibanesischen Hafenstadt Tripoli gab es zu Wochenbeginn schwere Unruhen mit Toten und Verletzten. Der Grund ist der massive Wertverlust der Lokalwährung Lira.

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Dafür verantwortlich sind Manipulationen der Zentralbank sowie korrupte Politiker, die mit der Bewältigung der Pandemie völlig überfordert sind. Ein Abgleiten ins Chaos mit bürgerkriegsähnlichen Zuständen konnte die libanesische Armee bisher verhindern.

4 Saudischer König wurde evakuiert

Die meisten Corona-Infizierten sind bisher Gastarbeiter aus Südostasien, Pakistan und Ägypten. Sie leben in völlig überfüllten Massenunterkünften am Rande von Riad, Mekka und Medina, die abgesperrt wurden, um die lokale Bevölkerung zu schützen. Nur sie wird ausreichend medizinisch versorgt.

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Die weit verzweigte Königsfamilie reagierte auf die Pandemie panisch. König Salman wurde auf eine einsame Insel im Roten Meer evakuiert. Für seinen Sohn und Kronprinzen Mohammed bin Salman ist Corona eine Katastrophe. Die Umsetzung seiner Reformagenda 2030 ist wegen der stark gefallenen Ölpreise kaum noch möglich. Sehr wahrscheinlich abgesagt werden muss die diesjährige Pilgerfahrt, die normalerweise 15 Milliarden Franken die Kassen spült. Auch für den Kronprinzen selbst wird das Eis daher dünner. Schon jetzt werfen ihm Kritiker vor, als Krisenmanager versagt zu haben.

5 Jemens Volk vom Krieg geschwächt

Beobachter wie Jan Egeland vom Norwegischen Flüchtlingsrat rechnen mit einem Massensterben. Das Virus würde auf wenig Widerstand stossen, weil die Bevölkerung des bitterarmen Landes durch massive Unterernährung sowie die Cholera-Epidemie, von der 2,5 Millionen Menschen betroffen sind, bereits extrem geschwächt ist.

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Überdies hat mehr als die Hälfte der 28 Millionen Jemeniten keinen Zugang zu sauberem Wasser. Viele Krankenhäuser wurden durch saudische Luftangriffe zerstört, Intensivstationen, so wie wir sie kennen, gibt es nicht. Offiziell gibt es im Jemen erst eine Hand voll Coronafälle. Viele «Rätselhafte Todesfälle» mit Covid-19-Symptomen werden seit einigen Tagen aus der Hafenstadt Aden gemeldet – und von den überforderten Gesundheitsbehörden dementiert.

6 Irak steht vor dem Staatsbankrott

Im Irak sind Parallelen zur Lage im Libanon auszumachen. Auch hier gehen – trotz Corona – die Menschen wieder auf die Strassen. Es sei letztlich egal, betonen Demonstranten in Bagdad genau wie in Beirut, ob man am Virus sterbe oder verhungere.

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Der unter Korruption und Vetternwirtschaft leidende Irak ist von den gefallenen Ölpreisen besonders hart betroffen. Nur mit massiven Sparmassnahmen, die ein Grossteil der Bevölkerung nicht hinnehmen will, kann ein Staatsbankrott verhindert werden.

7 Iran fehlen Geräte und Medikamente

Nachdem Covid-19 anfangs aus politischen Gründen geleugnet wurde, hat der Iran die Coronapandemie im eigenen Land inzwischen weitgehend im Griff. Ob die gemeldeten Infizierten- und Sterbezahlen mit der Wirklichkeit übereinstimmen, erscheint jedoch fraglich.

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Grosse Probleme bereiten Iran die von den Vereinigten Staaten verhängten Sanktionen, die sich auch auf die Einfuhr von Medikamenten und medizinischem Gerät auswirken.

Autor

Fabian Hock

Fabian Hock

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