Kelsea Kenzy Sutton weiss aus eigener Erfahrung: Frauen haben es in der amerikanischen Politik nicht einfach. Die junge Anwältin wohnt in Burke, einem Dorf mit 600 Einwohnern in der Prärie von South Dakota. Dieses Jahr kandidiert Sutton erstmals für ein politisches Amt, einen Sitz in der Regierung des Verwaltungsbezirks Gregory County. Die erste Hürde hat sie elegant genommen: Vorigen Monat gewann Sutton die Vorwahl mit 90 Stimmen – was bei 160 abgegebenen Stimmen einem Erdrutsch gleichkommt.

Nun aber steht sie vor der eigentlichen Herausforderung: Im November muss sie einen Republikaner besiegen, der im konservativen Landstrich die besseren Karten besitzt. Und obwohl Sutton bereits alle Hände voll zu tun hat – sie wurde im April erstmals Mutter und ihr Gatte Billie ist ebenfalls politisch tätig –, will sie nun auch für Hillary Clinton um Stimmen werben. Denn «die erstmalige Nomination einer Frau für das Weisse Haus ist ein historischer Moment für dieses Land», sagt Kelsea Kenzy Sutton während eines Gesprächs im lärmigen «Wells Fargo Center» in Philadelphia.

In der Tat hat Clinton am Dienstagabend (Ortszeit) ein Stück Geschichte geschrieben – 238 Jahre nach Verabschiedung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und 96 Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts auf nationaler Ebene. Erstmals tritt eine Frau für eine der beiden Grossparteien im Kampf um das Weisse Haus an. Nicht alle Parteikolleginnen der Präsidentschaftskandidatin sind allerdings der Meinung, dass dies ein Grund zum Feiern ist.

Tweet: Hillary Clinton über ihre Nominierung als Präsidentschaftskandidatin

«Korrupt und kein Rückgrat»

Melissa Arab ist Delegierte aus Southfield, einer Vorstadt von Detroit (Michigan). Die Angestellte einer Anwaltskanzlei unterstützte während der Vorwahlen den Clinton-Konkurrenten Bernie Sanders. Und sie hat sich mit dessen Niederlage noch nicht abgefunden. «Clinton ist korrupt. Sie hat sich von den Wall-Street-Banken kaufen lassen. Sie hat kein Rückgrat und ihr unterlaufen immer wieder peinliche politische Fehler», sagt die demokratische Delegierte aus Michigan. «Und nun soll ich ihr meine Stimme geben, weil sie ebenfalls eine Frau ist? Kommt nicht infrage.»

Andere Sanders-Delegierte äussern sich differenzierter. Wendy Howell aus Denver (Colorado) räumt ein, dass sie über die Nomination von Hillary Clinton nicht begeistert sei. Auch stehe sie dem demokratischen Vizepräsidentschaftskandidaten Tim Kaine – der am Mittwoch eine Grundsatzrede hielt – äusserst skeptisch gegenüber, sagt die Gewerkschaftsangestellte. Andererseits: «Dies ist ein historischer Moment für unser Land und für die amerikanische Frauenbewegung. Ich hätte mir aber gewünscht, dass eine andere Frau als Hillary Clinton Geschichte schreibt.»

Ganz anderer Meinung ist Margo McNeil, eine Clinton-Delegierte aus Florissant, einem Vorort von St. Louis (Missouri). «Ich bin ausser mir vor Freude, an diesem historischen Parteitag teilzunehmen», sagt die ehemalige Lehrerin. Sie sei in den 1970er-Jahren in die Politik eingestiegen, als Feministinnen versuchten, die amerikanische Verfassung um einen Gleichstellungsartikel zu ergänzen. Dieser Anlauf scheiterte, aber McNeil hatte Feuer gefangen.

Seither setzt sie sich dafür ein, dass sich mehr Frauen politisch engagieren – und geht mit gutem Beispiel voran: Seit 2008 sitzt sie im Lokalparlament von Missouri. McNeil zeigt sich überzeugt davon, dass der (Wieder-)Einzug von Hillary Clinton ins Weisse Haus die Rekrutierung von Politikerinnen erleichtert. Davon, sagt sie, würde das ganze Land profitieren, seien weibliche Politiker doch weit pragmatischer als ihre männlichen Amtskollegen.