In eigener Sache

«Ich habe den Mauerfall verschlafen»: Nach über 30 Jahren sagt Auslandschefin Dagmar Heuberger «Adieu»

9. November 1989 am Grenzübergang Sonnenallee in Berlin: Die DDR hat die Grenze in den Westen geöffnet. «Nordwestschweiz»-Auslandsredaktorin Dagmar Heuberger (rechts) verfolgte das Geschehen am Bildschirm, hat das Ausmass des historischen Ereignis medial aber verschlafen.

9. November 1989 am Grenzübergang Sonnenallee in Berlin: Die DDR hat die Grenze in den Westen geöffnet. «Nordwestschweiz»-Auslandsredaktorin Dagmar Heuberger (rechts) verfolgte das Geschehen am Bildschirm, hat das Ausmass des historischen Ereignis medial aber verschlafen.

35 Jahre Journalismus, davon 28 Jahre Auslandjournalismus: Nicht nur die Weltpolitik hat sich verändert. Eine politische – und persönliche – Bilanz. Mit diesem Artikel verabschiedet sich Dagmar Heuberger von den Leserinnen und Lesern der «Nordwestschweiz». Sie war seit 1989 Auslandredaktorin und seit 1999 Leiterin der Auslandredaktion. Ende des Monats geht sie vorzeitig in Pension.

Gut, gibt es Google. Was würden wir ohne die allwissende Suchmaschine tun? Auch wir Journalisten und Redaktorinnen. Ein Beispiel gefällig? Der Bundestagswahlkampf 2017 in Deutschland galt als ausgesprochen langweilig.

Doch wie war das gleich vor vier Jahren? Kein Problem: «Bundestagswahlkampf 2013 langweilig» bei Google eingetippt. Innert Sekunden bekommt man 56 600 Ergebnisse. Und siehe da: Schon damals wurde behauptet, der Wahlkampf sei so langweilig gewesen wie nie zuvor. Nochmals vier Jahre zurück – 2009 war es offensichtlich nicht anders.

Google ist soeben 20 Jahre alt geworden. Erst 20 Jahre! Was habe ich in der Prä-Google-Zeit, in den grauen Vorzeiten des Internets, eigentlich gemacht, wenn ich mich als Auslandredaktorin über die politische Vergangenheit eines Landes, frühere Entscheidungen einer Regierung oder die Biografie eines wichtigen Politikers informieren wollte?
Jüngere Berufskolleginnen und -kollegen können es sich vermutlich kaum vorstellen: Wir besassen Lexika, Enzyklopädien, Jahrbücher – und ein akribisch geführtes Archiv.

Beim Aargauer Tagblatt, wo ich 1982 in der Regionalredaktion begann und 1989 ins Ressort Ausland wechselte, legte mein Kollege grossen Wert auf die sorgfältige Pflege des Archivs. Von A wie Afghanistan bis Z wie Zypern gab es für jedes Land Dossiers, die in einer Hängeregistratur abgelegt wurden. Als ich zu Beginn meiner Tätigkeit in der Auslandredaktion einen Kommentar über eine neue Friedensinitiative im Konflikt zwischen der Regierung Sri Lankas und den Tamilen-Rebellen schreiben musste, war das – freilich eher dünne – Dossier über Sri Lanka meine Rettung.

Die Feuertaufe

Unter solchen für heutige Begriffe vorsintflutlichen Arbeitsbedingungen erlebte ich im Herbst 1989 meine Feuertaufe als Auslandredaktorin. Der 9. November sollte (abgesehen von 9/11, den Terrorangriffen in den USA) der Tag werden, der mein Berufsleben veränderte und prägte, der für mich aber auch aus persönlich-familiären Gründen unvergesslich bleibt. Wie immer hatte ich an jenem Abend die «Tagesschau» der ARD eingeschaltet.

Mit unbewegter Miene verkündete der Nachrichtensprecher: «Ausreisewillige DDR-Bürger müssen nach den Worten von SED-Politbüromitglied Schabowski nicht mehr den Umweg über die Tschechoslowakei nehmen». Und dazu als Schlagzeile: «DDR öffnet Grenze». Dann der Korrespondenten-Bericht aus Ost-Berlin mit dem Gestammel Günter Schabowskis: «Nach meiner Kenntnis ist das sofort – unverzüglich.»

Ausschnitt aus der historischen Pressekonferenz mit Günter Schabowski zur DDR-Reiseregelung

Ausschnitt aus der historischen Pressekonferenz mit Günter Schabowski zur DDR-Reiseregelung

«Diese Mauer kommt nie weg»

Wie jetzt? Was hatte das genau zu bedeuten? Dass etwas passieren würde – passieren musste – war in jenem Sommer jedem klar, der sich mit Aussenpolitik befasste. Zu Tausenden reisten die DDR-Bürger nach Ungarn in der Hoffnung, in den Westen flüchten zu können. Im September öffnete Ungarn seine Grenzen zu Österreich. Dass aber nun plötzlich auch die DDR-Grenze offen sein sollte, konnte ich nicht fassen.

Während viele Jugendliche heute nicht einmal mehr wissen, dass Deutschland einst geteilt war, war ich mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass es eine BRD und eine DDR gab, die durch eine Mauer getrennt waren. Eine Mauer, an der immer wieder Menschen erschossen wurden. «Diese Mauer kommt nie mehr weg», hatte meine Mutter an jedem Jahrestag des Mauerbaus (13. August 1961) gesagt. Daran dachte ich auch am Abend jenes 9. November 1989. Und genau deshalb reagierte ich falsch – will heissen: gar nicht.

Sofort – unverzüglich: Das ist auch die Devise des Journalismus. Wichtige Meldungen müssen – selbst wenn es noch so spät am Abend ist – am folgenden Tag möglichst ausführlich in der Zeitung stehen. Folglich hätte ich die Redaktion anrufen und den Kollegen in der Abschlussredaktion entsprechend instruieren sollen.

Tagesschau-Ausgabe zum Mauerfall vom 9. November 1989

Tagesschau-Ausgabe zum Mauerfall vom 9. November 1989

Doch ich sass nur fasziniert vor dem Fernseher und fragte mich, wie die Sowjetunion reagieren würde und ob die DDR die Grenzöffnung in den folgenden Tagen wohl wieder rückgängig machen würde. Und so kam es, dass das «Aargauer Tagblatt» den Mauerfall mehr oder weniger verschlafen hat. Am folgenden Tag standen nur gerade 40 oder 50 Zeilen darüber in der Zeitung.

Dass sogar eine gewisse Angela Merkel den denkwürdigen Abend beinahe verpasste, weil sie in der Sauna war, ist nur ein kleiner Trost. Aber auch die spätere Kanzlerin besass damals noch kein Smartphone, auf dem sie heute so gerne SMS tippt. Ebenso wenig wie die Auslandkorrespondenten. Sie hackten ihre Berichte in die Schreibmaschine. Das ist ein Gerät mit einer Tastatur, die der PC-Tastatur gleicht. Das Gerät – zuerst aus Metall, später aus Kunststoff – hatte jedoch keinen Bildschirm, sondern eine Rolle, in die man (meist schief) ein Blatt Papier einspannte.

Eine Delete-Taste gab es natürlich nicht, was unter Umständen zu einem ziemlich grossen Papierverbrauch führte. Den fertig geschriebenen Text brachte der Auslandkorrespondent in ein Postbüro, wo der Bericht entweder per Telex oder – ganz modern! – per Fax an die Redaktion übermittelt wurde. Danach war der Auslandkorrespondent für die Redaktion nicht mehr zu erreichen – er besass ja kein Handy.

«Wer Visionen hat, soll zum Arzt»

Fernsehen, Radio und die Nachrichtenagenturen waren somit für die Auslandredaktion vor knapp 30 Jahren die einzigen Quellen, um sich rasch zu informieren. Und schnelle Informationen waren im aufregenden Herbst und Winter 1989 wichtig. Am Ende war die Mauer weg, der Ostblock unblutig (mit Ausnahme Rumäniens) zerfallen, und Ende 1991 löste sich die Sowjetunion auf – der Kalte Krieg war zu Ende. Würde die Welt nun sicherer werden?

Ich stand der «Friedensdividende» (Stichworte: Senkung der Rüstungs- und Militärausgaben, Abrüstung), die in den 1990er-Jahren allenthalben gefordert wurde, von Anfang an skeptisch gegenüber. Denn ich habe Aussenpolitik stets in erster Linie unter dem Aspekt der Macht- und Realpolitik gesehen und mich dabei von zwei Grundsätzen leiten lassen: «Staaten haben keine Freunde, sondern nur Interessen» – ein Satz, der gemeinhin dem ehemaligen französischen General und Staatspräsidenten Charles de Gaulle zugeschrieben wird, der in Wirklichkeit aber von Lord Palmerston stammt, einem britischen Premierminister aus dem 19. Jahrhundert. Und: «Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen» – ein Bonmot des verstorbenen deutschen Ex-Kanzlers Helmut Schmidt.

Die Entwicklung der vergangenen fast 30 Jahre bestätigt – leider – meinen Standpunkt. Gewiss: Die weltpolitischen Rahmenbedingungen haben sich verändert, die Machtzentren haben sich verschoben und die USA hat an Dominanz eingebüsst. Gleichzeitig versuchen jedoch regionale Grossmächte, ihren Einflussbereich auszudehnen. Eine Garantie für mehr Sicherheit ist das nicht, für mehr Frieden schon gar nicht.

Im Gegenteil: Siehe Nordkorea, das heute de facto eine Atommacht ist; siehe den «Islamischen Staat», der seinen Terror schon längst nach Europa getragen hat. Die Welt ist auch nicht demokratischer geworden. Siehe Wladimir Putin in Russland, Recep Tayyip Erdogan in der Türkei oder Abdel Fattah al-Sisi in Ägypten. Sie alle treibt vor allem die Sicherung und der Ausbau ihrer eigenen Macht an.

Hintergründe aufzeigen – erklären

Sicher: Das ist keine besonders optimistische Bilanz. Aber sie ist realistisch. Und eine realistische, nüchterne Beurteilung der Weltpolitik halte ich für sinnvoller und hilfreicher als Visionen und Träume.

Gerade und vor allem weil wir heutzutage in einem Ausmass von Nachrichten überflutet werden, das 1989 unvorstellbar war. Nicht nur wir Journalistinnen und Redaktoren bekommen jedes wichtige, aber auch jedes nebensächliche Ereignis dank Twitter, Facebook und Co. in Echtzeit mit – den Hurrikan Irma genauso wie die dritte Schwangerschaft von Herzogin Kate oder einen dümmlichen Tweet von Donald Trump.

Und wenn irgendwo auf der Welt ein Amokläufer um sich schiesst oder ein noch nicht identifizierter Täter mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge rast, starten die Kollegen sämtlicher Online-Medien sofort ihre Liveticker. Das ist oft praktisch und für die Arbeit der Redaktion einer Tageszeitung hilfreich. Es kann aber auch verwirren und zu falschen Schlussfolgerungen verleiten.

Angesichts der Nachrichtenschwemme und trotz der Hektik Zusammenhänge und Hintergründe aufzeigen, erklären, einordnen: So habe ich meine Aufgabe stets verstanden. Natürlich ist mir das nicht immer gelungen. Und zugegeben: Hätten Twitter und Liveticker am 9. November 1989 schon existiert, hätte ich wohl unmittelbar nach dem Gestammel von SED-Politbüromitglied Schabowski zum Smartphone gegriffen und alle Hebel in Bewegung gesetzt, um eine ausführliche Berichterstattung zu gewährleisten.

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