Auf der Küstenpromenade flanieren die Touristen, aus den bunten Geschäften gucken freundlich die Einheimischen. Die Wintersonne spiegelt sich im Ijsselmeer, sanft schaukeln die Boote auf und ab. Eigentlich ist in Volendam die Welt noch ziemlich in Ordnung. Doch unter der Oberfläche kracht es. An kaum einem andern Ort in den Niederlanden kann der Rechtspopulist und Islamgegner Geert Wilders auf mehr Unterstützung zählen. Das ehemalige Fischerdorf rund 25 Kilometer nördlich von Amsterdam ist seit Jahren eine Wilders-Hochburg. Beinahe jeder Zweite hat beim letzten Urnengang die PVV, Wilders’ Partei der Freiheit, gewählt. Als der Politiker mit dem markanten Blondschopf kurz darauf den Ort besuchte, wurde er wie ein Popstar empfangen. «Er wird unser Land retten!», sagte damals, im Frühling 2013, der 15-jährige Jack zur Lokalzeitung.

Bei den in zwei Wochen stattfindenden Parlamentswahlen (siehe Box) soll der Triumph noch deutlicher werden. Der 28-jährige Kurt, von Beruf Kunden-Maler, ist sich sicher: «85 Prozent in Volendam werden Wilders wählen.» Seine drei Freunde stimmen zu: «Von uns wählt jeder Wilders.» Warum? Das sei doch klar: Das Land liege am Boden, die Politiker seien selbstgefällig und ignorant. Die vielen Marokkaner würden dem Staat auf der Tasche liegen und seien zu faul zum Arbeiten. Zudem bedrohe der Islam die niederländische Kultur. Er wisse, wovon er rede, sein Vater sei Polizist in Amsterdam, so Kurt.

Dem Städtchen geht es gut

Dabei liegt zumindest Volendam ganz und gar nicht am Boden. Dem 22 000-Einwohner-Städtchen geht es gut. Zahlreiche Touristen werden für Tagesausflüge aus dem nahen Amsterdam herangekarrt. Die Arbeitslosigkeit ist tief und Ausländer respektive Flüchtlinge sieht man auch keine. Die Volendamer verdienen überdurchschnittlich gut und die meisten – auch viele Junge wie Kurt – besitzen ihr eigenes Haus. Gesprächsanfragen, weshalb die politische Stimmung in ihrer Gemeinde trotzdem so geladen sei, lehnt die christdemokratische Bürgermeisterin Mevrouw Sievers ab. Man sei weder der erste und sicher nicht der letzte Journalist, der in Volendam das Wilders-Phänomen ergründen wolle, heisst es von der Gemeindekanzlei. Man wisse selbst nicht, woher der hohe Zuspruch komme. Stattdessen wird auf Wim Keizer verwiesen, den Leiter des Volendamer Heimatmuseums. Dieser habe Erfahrung mit Journalisten aus aller Welt.

Keizer ist 75 Jahre alt, ein gemütlicher, freundlicher Herr. Im Gespräch schwärmt er von der Schweiz, die er auf seinen Wanderungen auf dem Jakobsweg durchquert hat. Noch mehr gefällt ihm aber Volendam, wo er aufgewachsen ist und dessen Geschichte er seit 40 Jahren als Museumsvorstand konserviert. Spontan gibt er die erste Strophe der inoffiziellen Orts-Hymne «Mooi Volendam» («schönes Volendam») zum Besten. Geschrieben hat das Lied die Volendamer Band «Canyon». Die Gruppe spielte den «Palingsound», eine Variante des Sixties-Pop, die sich in den 70er-Jahren in Volendam entwickelt und von hier aus ganz Holland erobert hat.

Der Palingsound ist nur eines von vielen Beispielen, wie sehr Volendam in den Niederlanden eine kulturelle Sonderstellung innehat. Keizer erzählt von der Volendamer-Tracht mit ihren weissen Spitzenhäubchen, fabriziert in feinster Klöppelei, die mittlerweile zum Inbegriff der holländischen Nationaltracht geworden ist. Oder der Religion: Im Gegensatz zu sämtlichen anderen Gemeinden weitum sind die Volendamer seit je stolze Katholiken geblieben und haben sich der Reformation erfolgreich widersetzt. Und natürlich die Sprache: Die Volendamer sprechen ihren eigenen Dialekt, den schon die Nachbarn in wenigen Kilometer Entfernung nicht mehr verstehen.

Die «Sack-Füller» in Den Haag

Die Abgrenzung gegen «die anderen» – ob es die «Mehrbesseren» in der Schwester-Gemeinde Edam oder die muslimischen Einwanderer sind – scheint fester Bestandteil der kulturellen Identität Volendams zu sein. Laut Keizer liegt der Grund auch in der Vergangenheit als Fischerdorf: Der harte Alltag der Fischerei hat die Gemeinde über Jahrhunderte zusammengeschweisst. Dagegen hätten die Regierenden in Den Haag, die «Sack-Füller», wie Keizer sie nennt, keine Ahnung von der Realität. Noch schlimmer sind anscheinend nur die Eurokraten in Brüssel. Seit die EU die Fangquoten im Ijsselmeer beschränkt habe, sei die Fischerei praktisch zum Erliegen gekommen. Vor 100 Jahren habe es in Volendam noch 250 Fischerboote gegeben, heute seien es gerade noch 4.

Dass der Niedergang der Fischerei mit der Errichtung des Dammes begann, der die Meeresbucht seit 1932 vom Wattenmeer abtrennt, will Keizer zwar nicht leugnen. Trotzdem: Brüssel bleibt der Feind. Durch den Verlust der Grenzen und die unkontrollierte Immigration fühlten die Volendamer ihre lokale Kultur bedroht, erklärt er. Und für ihn ist klar: «Geert Wilders ist der Einzige, der dieser Entwicklung entgegentritt.» Was Angela Merkel gemacht habe, gehe doch nicht: «Europa hat nicht Platz für 100 Millionen Afrikaner». Keizer betont dabei, dass die Volendamer alles andere als Fremdenfeinde oder gar Rassisten seien. Volendamer seien nette Leute. Fanatiker, die Marokkaner durch die Strassen jagten, gebe es hier nicht. Man müsse sich nur anpassen, Dialekt lernen, den Fussballverein besuchen – «sich normal verhalten», sagt Keizer, der selbst 28 Jahre im Gemeinderat sass. Wer das tue, sei herzlich willkommen. Alle anderen hätten in Volendam jedoch nichts verloren. Punkt.

«Verhaltet euch normal – oder geht»

«Sich normal verhalten» – das forderte kürzlich auch der liberal-konservative Premierminister Mark Rutte in einem mit «An alle Niederländer» überschriebenen Inserat. Was das heisst, führte er gleich aus: Nicht in Gruppen herumhängen, Busfahrer bespucken, Frauen hinterherpfeifen oder Abfall auf die Strasse werfen. Normal ist dagegen, dass man sich die Hand gibt, Lehrer respektiert, arbeiten geht. Dass der Appell des konservativ-liberalen Regierungschefs vor allem an Immigranten und Flüchtlinge gerichtet war, die sich nicht an die Regeln halten, das war dabei jedem klar. Ihnen sagt Rutte: «Verhaltet euch normal – oder geht!»

In Volendam kommt diese Mischung aus Abgrenzung und Annäherung zu Wilders bis jetzt nicht an. Hier wählt man lieber das Original als die Kopie. Ob es Wilders dereinst besser machen würde als all die anderen Politiker, ist gar nicht so wichtig, wie Keizer durchblicken lässt. Denn: «Die Leute, die für Geert Wilders stimmen, tun das aus Wut und Protest.» Ähnlich sieht das auch Tess, die im Pub an der Küstenpromenade mit Freunden einen Geburtstag feiert. «Wilders ist wie Trump – er zwingt die Mächtigen, zu reagieren», so die Bankangestellte Anfang 40. Angst, dass Wilders wie Trump in den USA ein Chaos anrichten wird, hat sie aber nicht: «Wilders wird niemals Premierminister werden», sagt sie mit einem Lächeln. Das wisse in Holland jeder – sogar in Volendam.