Zu ihrem 85. Geburtstag hatte die Berlinerin Margot Woelk Besuch von einem lokalen Journalisten erhalten. 85 Jahre hatte sie in derselben Wohnung gewohnt. Fast. Im Nachgang zu ihrem 95. Geburtstag von Ende 2012 erhielt sie nun erneut Besuch von einem Lokalreporter der «Berliner Zeitung» - 95 Jahre in derselben Wohnung. Fast.

Während knapp zweier Jahre hatte Woelk nämlich nicht in ihrer Geburtswohnung gelebt. Lange hatte sie sich über diese Zeit ausgeschwiegen. Bis zu eben jenem Journalistenbesuch zu ihrem 95. Geburtstag, als sie zu Protokoll gab, dass sie von Anfang 1943 bis im Herbst 1944 während des Zweiten Weltkrieges eine der 15 Vorkosterinnen Adolf Hitlers war. Nun geht ihre Geschichte um die Welt.

Trotz bestem Essen fehlte der Genuss

«Immer ganz feine Sachen, toll zubereitet und streng vegetarisch», beschreibt Woelk das Essen, das sie als Vorkosterin probieren musste gegenüber der «Berliner Zeitung». Geniessen aber habe sie die Karotten, den Spargel oder den Blumenkohl nicht können. Es seien Gerüchte kursiert, dass die Allierten Hitler würden vergiften wollen, so Woelk gegenüber dem Online Geschichtsportal des Spiegels.

Zu ihrer Aufgabe in unmittelbarer Nähe zu Hitlers Hauptquartier, der Wolfsschanze, war Woelk gezwungen worden. Sie war aus ihrem zerbombten Elternhaus in Berlin geflohen und hatte bei ihrer Schwiegermutter im ostpreussischen Gross-Partsch Unterschlupf gefunden. Doch schon nach kurzer Zeit wurde sie von der SS abgeholt und zum Dienst als Vorkosterin befohlen.

Woelk wurde am Morgen von der SS abgeholt, musste zusammen mit ihren Kolleginnen das Essen vorkosten und wenn innerhalb von 45 Minuten keine Vergiftungssymptome eintraten, wurde das Essen auch Hitler serviert. Am Abend durften die Frauen jeweils nach Hause gehen.

Stauffenberg-Attentat verändert alles

Nach dem gescheiterten Attentat Stauffenbergs auf Hitler im Juli 1944 wurden die Sicherheitsmassnahmen rund um sein Hauptquartier erhöht. Die Vorkosterinnen durften nicht mehr zu Hause wohnen, sondern wurden in eine leerstehende Schule verlegt. «Wir wurden bewacht wie eingesperrte Tiere», sagt Woelk. Dort war sie schliesslich auch eines Nachts von einem SS-Offizier vergewaltigt worden.

Als die Rote Armee immer näher kam, wurde Woelk die Flucht nach Berlin ermöglicht. Dort erlebte sie nochmals die Hölle. Sie geriet in die Fänge der sowjetischen Armee und wurde während zweier Wochen brutal vergewaltigt. «Ich wollte gar nicht mehr leben», sagte sie.

Die Wende erlebte die damals 29-Jährige schliesslich 1946 zurück in Berlin, als sie ihren Mann wieder traf. Sie päppelte ihren von Krieg und Gefangenschaft gezeichneten Mann wieder auf und fand ihre Lebensfreude wieder.

Schweigen aus Angst

Woelk hatte vor allem auch aus Angst so lange Zeit geschwiegen. Die 14 anderen Vorkosterinnen waren kurze Zeit nach ihrer Flucht von den Sowjets erschossen worden, weil sie von diesen als Hitlers Helferinnen angesehen wurden. Trotzdem aber hat sie nun den Entschluss gefasst, über die Lücke in ihrem bisherigen Lebenslauf zu sprechen: «Ich wollte nur sagen, was da los war. Dass Hitler ein ganz widerlicher Kerl war. Und ein Schwein.»

Heute kann Margot Woelk das Essen wieder geniessen. Und auch ihren Humor habe sie wieder gefunden, «obwohl er sarkastischer geworden ist», sagt sie.