Gelebte Geschichte

Hitlers treuer Soldat: Karl-Heinz Mayer hat freiwillig für die Nazis an der Ostfront gekämpft

Karl-Heinz Mayer in seiner Wohnung in Wolfsburg,. Hier lebt er, seit er 1955 aus den sibirischen Gefangenenlagern zurückgekehrt ist.

Karl-Heinz Mayer in seiner Wohnung in Wolfsburg,. Hier lebt er, seit er 1955 aus den sibirischen Gefangenenlagern zurückgekehrt ist.

Karl-Heinz Mayer, 98, hat im Krieg Dinge getan, über die er nur ungern spricht. Wer einmal «ins Blut ging», sagt Mayer, wird zum Pazifisten.

Wenn Karl-Heinz Mayer vom Krieg erzählt, dann atmet er öfter tief durch und schiebt seinen Ausführungen ein «ach, war das grausam» hinterher. «Russland war furchtbar, es war die Hölle.»

Mayer ist 98 Jahre alt, er wohnt in Wolfsburg. Hierhin hat es ihn nach zehn Jahren russischer Kriegsgefangenschaft in den Lagern Sibiriens Ende der 1950er Jahre verschlagen. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete Mayer für Volkswagen. Er lebt allein in dem kleinen Reihenhaus, seine Tochter schaut mehrmals täglich zum Rechten. Mayer ist hellwach im Geist, doch körperlich hat er Mühe. Er kann kaum noch gehen. Eine Spätfolge des Krieges, als eine Granate sein Bein zerfetzt hatte. In seiner Lunge steckt noch immer ein Projektil, Steckschuss, eingefangen bei Kampfhandlungen im «Protektorat Böhmen und Mähren». In Mayers Bücherregal reiht sich Werk an Werk über eine dunkle Zeit, die er als Soldat von 1939 bis 1945 und als Kriegsgefangener bis 1955 selbst miterlebt hatte. «Stalins Kriegsgefangene», «Entscheidung Stalingrad», und auch: «Erinnern statt verdrängen.»

Schlafen hätte den Tod gebracht

Karl-Heinz Mayer geht 1932 zur Hitlerjugend. Der «Führer» fasziniert ihn. «Er wollte den Versailler Schandvertrag vernichten», erzählt Mayer. Er steigt bei der Hitlerjugend zum Gruppenführer auf. Den Traum von der Schauspielausbildung muss er begraben. 1939 ist er bei einem Arbeitseinsatz bei Bauern in Schlesien, als der Polenfeldzug beginnt. Weil er schon Gruppenführer bei der Hitlerjugend war und den Führerschein für Lastwagen besitzt, wird er in die Wehrmacht eingezogen. Er glaubt der Propaganda, wonach die Polen zuerst angegriffen hätten. Er ist im Transportregiment, fährt Verwundete von der Front in deutsche Lazarette. Er sieht zum ersten Mal Menschen sterben.

Im Oktober 1939 kommt Mayer zur Infanterie, im April 1940 wird er abkommandiert nach Dänemark. Dänemark, sagt er, war fast schon friedlich. Im Sommer 1940 in Frankreich spürt Mayer: «Jetzt geht der richtige Krieg los.» Er kämpft in Saint-Omer, Dünkirchen, Lille. Er wird getroffen von einer Kugel in die Lunge, das Projektil geht haarscharf an der Hauptschlagader vorbei. Lazarett, dann zurück an die Front nach Frankreich. Die Kameraden erzählen ihm, wer von der Truppe alles gefallen ist.

Dann kommt der Krieg in Russland, Operation Barbarossa. Massenweise wird gestorben. Kameraden verbluten, Verwundete schreien, wimmern und flehen. Mayer ist 40 Kilometer vor Moskau in Stellung, die Russen sind in Sichtweite gegenüber. Eine Granate trifft ihn, das Bein ist zerfetzt. Stiefel voller Blut. Es ist der 31. Oktober 1941, die Temperaturen sind schon tief. Er verliert viel Blut, wird träge, will schlafen. Hält sich wach, weil er weiss, dass der Schlaf den Tod bringen würde. Nach einer Stunde wird er gerettet. Monatelang Lazarett in Lodz, Versetzung in eine Genesenen-Kompanie im Elsass. Mayer drängt es zurück an die Front nach Russland. Freiwillig. «Ich war verblendet, ich wollte meinen Kameraden helfen.»

Karl-Heinz Mayer (Mitte) als Soldat im Dienst der Nazis. Aufgenommen im französischen Biarritz 1940.

Karl-Heinz Mayer (Mitte) als Soldat im Dienst der Nazis. Aufgenommen im französischen Biarritz 1940.

Er fährt nach Donezk, wird Teil einer Panzerkompanie. Winter 1942/ 1943: Seine Kameraden sind schon vor Monaten nach Stalingrad aufgebrochen. «Stalingrad gibt es nicht mehr», sagt ihm der Kommandant. Mayer rückt mit seiner Truppe nach Krasnodar am Schwarzen Meer vor, doch von da an geht es nur noch zurück. Rückzug nach Rostow. Flucht über die Krim-Brücke. Mayer unter Beschuss, fallende Kameraden. An eine Niederlage denkt er noch immer nicht. Er glaubt an die Mär von der Wunderwaffe. V-Raketen. Atombomben. «Hitler hat sie uns versprochen.» Mayers Flucht wird ihn 1945 bis in die Tschechoslowakei führen, wo er den Steckschuss in die Lunge abbekommt.

«In Russland», sagt Mayer, «hatte ich immer Angst. Hinter jedem Busch habe ich einen Russen vermutet. Manchmal habe ich mit meinem Maschinengewehr einfach in den Busch geschossen. Manchmal waren auch wirklich welche da.» Mayer atmet tief durch, sagt: «Die Angst hat mir das Leben gerettet. Die, die furchtlos drauflosgingen, sind gefallen.»

Scheibenschiessen mit russischen Partisanen

Über das Töten im Krieg spricht er ungern. Mit dem Maschinengewehr, sagt er, feuert man drauflos, man sieht den Gegner nicht. Beim Nahkampf blickt man in die Augen der Russen.

Einmal ist er auf dem Rückzug in einem Wald, der Kamerad neben ihm sackt plötzlich zusammen. Kopfschuss. Auf den Bäumen sitzen Partisanen, manche haben sich festgebunden, damit sie nicht herunterfallen. «Als wir das gemerkt haben, haben wir regelrecht Scheibenschiessen mit denen veranstaltet.»

Ein anderes Mal in Russland ist Mayer so gut wie erledigt. Sein Gewehr hat Ladehemmungen. Russen sind wenige Meter vor ihm. «Da habe ich beide Gewehrtrommeln herausgerissen und den Russen entgegengeworfen. Die dachten, das seien Minen, und sind geflüchtet.»

Der Krieg endet für ihn am 6. Mai 1945, westlich von Prag. Mayer tarnt sich als Müllergeselle. Trotzdem fällt er den Amerikanern in die Hände und wird an die Russen überstellt. Erst 1955 kehrt Mayer nachhause zurück.

Im Krieg im Osten gab es schreckliche Verbrechen. Babi Jar, die Massenerschiessungen, Auschwitz, die Gaskammern, . Historiker meinen, jeder, der in Russland gekämpft hatte, habe von den Verbrechen gewusst. Mayer wird bei dem Thema barsch im Ton. «Wir wussten von nichts.» Er sagt auch Dinge, die man ungestraft nicht sagen darf. Über die Gaskammern. Über die Zahl der ermordeten Juden. Auch die andere Seite habe «Schweinereien gemacht». Der Sieger habe die Geschichte so geschrieben, «dass Deutschland die ewige Schuld tragen muss». Mayer will sich seine Legende des sauberen Soldaten nicht zerstören lassen.

1992 ist Mayer zu einer Gedenkfeier nach Stalingrad gereist. Auf Russisch sagte er den Veteranen, er wolle der toten Kameraden gedenken, auch den Russen. Seither wird er immer wieder nach Stalingrad eingeladen. «Wir haben uns versöhnt.» Mayer sagt, er sei Pazifist. «Den Krieg machen nur die, die selber nicht ins Blut gehen. Jeder Soldat, der das miterlebt hat, sagt: Nie wieder Krieg.»

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