Daniele Ganser bewegt sich auf heiklem Grat zwischen Wahrheitssuche und spekulativer Verschwörungstheorie. Als Ganser 2005 erstmals alternative Erklärungsmodelle zu 9/11 zum Thema eines Seminars an der Universität Zürich machte und später auch darüber publizierte, reagierte die Zunft mit Unverständnis. Er setze seine Karriere aufs Spiel, bescheinigten ihm Berufskollegen.

Die überwiegende Mehrheit der Historiker hält eine Verwicklung des Pentagon oder der CIA in die Anschläge für ein Hirngespinst. Doch Ganser, der bereits durch eine unkonventionelle Dissertation zu Geheimarmeen der NATO im Kalten Krieg und inszeniertem Terror in Europa von sich Reden gemacht hatte, liess sich nicht abhalten.

Er wies seine Studenten an, widersprüchliche Berichte zum 11. September nach den Regeln der historischen Quellenkritik auszuwerten und verschiedene Theorien gegeneinander zu stellen, erinnert sich der 38-jährige Historiker im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda.

Er sei damals auch einem Bedürfnis einer jungen Generation von Studierenden nachgekommen, die sich im Internet ganz anders über die Ereignisse informiert hätten als ihre Eltern und die der Berichterstattung in den traditionellen Medien wenig Glauben schenkten.

«Was wusste das Pentagon?»

Der Basler Historiker sieht es als Aufgabe einer modernen Geschichtswissenschaft, den Diskurs zu 9/11 nachzuzeichnen - etwa mit Rückgriff auf die Methoden der Oral History.

Es gebe bereits heute eine Reihe von Zeitzeugen aus dem inneren Machtbereich der Bush-Regierung, die sich kritisch zur offiziellen Version der Untersuchungskommission des US-Kongresses geäussert hätten.
«Das Problem ist nicht, dass die Informationen nicht da wären», argumentiert Ganser. Vielmehr gelte es, den enorm umfangreichen Informationsfluss zu erfassen und zu interpretieren. Die Wissenschaft könne nicht einfach dreissig Jahre warten, bis die ersten Archive der Sicherheitsbehörden ihre Tore öffneten.

«Was war die Rolle des Pentagon beim 11. September?», diese Frage bleibe für ihn auch ein Jahrzehnt nach den Terroranschlägen unbeantwortet, sagt Ganser: «Sie nicht zu stellen, würde den Prinzipien der Wahrheitssuche widersprechen». Deswegen als Verschwörungstheoretiker bezeichnet und «als Spinner in eine Ecke gestellt zu werden», missfällt dem Wissenschafter.

Beweise schuldig geblieben

Die Anschläge vom 11. September 2001 und die darauffolgenden Kriege in Afghanistan und dem Irak seien eine entscheidende Zäsur in der Zeitgeschichte; mit weitreichenden Folgen für die Staatengemeinschaft und den internationalen Frieden, sagt Ganser.

Ohne dass die genauen Hintergründe geklärt gewesen seien, wurde unmittelbar nach den Anschlägen erstmals in der Geschichte der NATO der Bündnisfall in Kraft gesetzt. Er verpflichtete die Partner der USA zum Beistand im «Krieg gegen den Terror». Bis heute jedoch seien die US-Behörden wichtige Beweise für ihre Version der Ereignisse schuldig geblieben.

Ob Teile der US-Regierung von den Attentaten wussten, sie in Kauf nahmen oder gar selbst planten, darauf will Ganser sich nicht festlegen. «Es kann sein, dass die Version der Bush-Regierung stimmt», sagt er. «Historisch gesichert ist das nicht».  (sda)