Die Regierung hatte nach Schliessung der Wahllokale um 19.00 Uhr erklärt, dass 8,1 Millionen Venezolaner zur Wahl gegangen seien. Experten zufolge wäre eine Verdoppelung der Wahlbeteiligung innert nur eineinhalb Stunden sehr ungewöhnlich.

Die britische Firma Smartmatic, die auf die Herstellung von Wahlgeräten spezialisiert ist und seit rund zehn Jahre die Wahlmaschinen für Venezuela liefert, erklärte in London, die Zahlen zur Wahlbeteiligung seien eindeutig manipuliert worden. Die Behörden hätten eine um schätzungsweise mindestens eine Million zu hohe Zahl angegeben, sagte der Chef des Unternehmens, Antonio Mugica.

Einer der fünf Direktoren der Wahlkommission äusserte Zweifel am regelkonformen Ablauf der Wahl. "Zum ersten Mal, seit ich diese Pflicht für den Staat übernommen habe, kann ich nicht für die Echtheit der genannten Ergebnisse garantieren", sagte Luis Rondon. Auch die oberste Staatsanwältin des Landes, Luisa Ortega, zweifelte die Zahlen zur Wahlbeteiligung an.

Erneut Protestmarsch angekündigt

Die Opposition, die die Wahl boykottiert hatte, kündigte für Donnerstag einen neuen Protestmarsch an. Dieser "Marsch gegen den Betrug" soll mit der ersten Sitzung der umstrittenen verfassungsgebenden Versammlung zusammenfallen. Staatschef Nicolás Maduro erklärte inzwischen, er wolle die 545 Mitglieder am Mittwoch vereidigen.

Maduro hatte die Wahl zur verfassungsgebenden Versammlung trotz massiver Proteste im In- und Ausland am Sonntag abhalten lassen. Nach seinem Willen soll sie das ihm feindlich gesinnte Parlament ersetzen und eine neue Verfassung ausarbeiten, um Venezuela aus der seit Monaten anhaltenden politischen und wirtschaftlichen Krise zu führen. Maduros Gegner werfen ihm hingegen vor, er wolle diktatorische Vollmachten an sich reissen.

US-Präsident Donald Trump verwarnte Maduro scharf: "Die USA verurteilen die Taten der Maduro-Diktatur", erklärte das Weisse Haus am Dienstag nach der Verhaftung zweier Oppositionsführer. Trump erklärte, die Oppositionsführer Leopoldo López und Antonio Ledezma seien "politische Gefangene, die illegal vom Regime festgehalten werden". Er mache Maduro persönlich für das Wohlergehen und die Sicherheit der beiden verantwortlich.

López und Ledezma zählen zu den bekanntesten Oppositionellen in dem südamerikanischen Land. Beide standen zum Zeitpunkt ihrer Festnahme in der Nacht zum Dienstag unter Hausarrest. Das Oberste Gericht teilte mit, es lägen Geheimdienstinformationen vor, wonach die beiden Kritiker Maduros ihre Flucht geplant hätten. Beide hatten zum Boykott der Wahl zur verfassunggebenden Versammlung aufgerufen.

USA prüfen Importstopp von Erdöl

Die US-Regierung hatte Maduro bereits am Montag als "Diktator" bezeichnet und sein Vermögen in den USA eingefroren. Auch einen Importstopp von Erdöl prüfen die USA. Das Land ist mit rund 700'000 Barrel am Tag grösster Abnehmer. Im Monat bezieht Venezuela derzeit rund 900 Millionen Dollar aus diesen Verkäufen. Das von sozialen Spannungen erschütterte Land ist dringend auf die Verkäufe seiner Ölproduktion angewiesen.

Auch die EU berät über Massnahmen gegen Venezuela. Allerdings zeichne sich bisher keine Mehrheit für Sanktionen ab, hiess es von Diplomaten in Brüssel. Vor allem Spanien und EU-Parlamentspräsident Antonio Tajani fordern Strafmassnahmen.

Anerkennen will die EU die verfassungsgebende Versammlung aber. Angesichts von Zweifeln an deren Repräsentativität und Legitimität rufe man Präsident Nicolás Maduro dazu auf, die Einrichtung der Versammlung zu stoppen, teilte die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini am Mittwochabend im Namen der Mitgliedstaaten mit.

Seit Anfang April wird das von einer schweren Wirtschaftskrise getroffene Venezuela durch Unruhen erschüttert. Die konservative Opposition kämpft für die Absetzung Maduros. Im Verlauf der gewaltsamen Auseinandersetzungen wurden bereits mehr als 120 Menschen getötet, alleine zehn am Rande der Wahl am Sonntag.