Nach der Präsidentschaftswahl vor einem Jahr plädierte Emmanuel Macron für eine «Neugründung Europas». Angesichts der grassierenden Euroskepsis musste er seither Schritt um Schritt zurückrudern. Im vergangenen Herbst sprach er nur noch von einer «europäischen Roadmap», dann von «Vertiefung» der europäischen Integration.

Heute weicht Macrons «EU-phorie» zunehmend dem Gefühl einer politischen Isolierung. Osteuropa liegt alles andere als auf der Macron-Linie; die Skandinavier und Niederländer haben sogar brieflich gegen die französischen Pläne zur «Vergemeinschaftung» der EU-Finanzen protestiert; und Italien kommt seit seinen Wahlen auch kaum mehr als Verbündeter Macrons infrage.

Bleiben «les amis allemands», die deutschen Freunde. Doch seit der Deutschlandwahl vor einem halben Jahr bekrittelt der rechte CDU-Flügel von Angela Merkels Koalition immer offener Macrons Integrationspläne, darunter die Schaffung eines Budgets und die Etablierung eines Finanzministers der Eurozone.

Zum französischen Leidwesen will sich Merkel erst im Juni auf einen gemeinsamen deutsch-französischen Vorstoss festlegen. Macrons Diplomaten seufzen hörbar und voller Ungeduld. Doch neuerdings verlautet aus CDU-Kreisen, selbst bis im Juni werde es «kaum Ergebnisse» geben, da die Standpunkte von Berlin und Paris zu weit auseinander lägen.

Macron droht eine Schlappe

Auch deshalb reist Macron morgen Donnerstag nach Berlin. Der 40-jährige Präsident will von Merkel endlich Taten sehen, nicht nur schöne Europaworte. Er weiss, dass seine gesamte – auch innenpolitische – Zukunft davon abhängt. Sein Schicksal hat er selbst mit Europa verknüpft: Bei der Präsidentschaftswahl von 2017 hatte er voll die Europa-Karte gespielt und damit über EU-Gegner wie Marine Le Pen triumphiert. Sinkt der Europa-Elan in Frankreich weiter, droht Macron bei den Europawahlen von 2019 selbst eine Schlappe.

Mehr als ein Jahr vor diesem Urnengang wird der Präsident bereits aktiv: Seine Partei «La République en marche» (LRM) betreibt im April und Mai eine umfangreiche Tür-zu-Tür-Kampagne, um herauszufinden, was die Franzosen «von Europa halten». So steht es unter anderem in einem Fragebogen, den junge LRM-Vertreter derzeit an 100 000 Haushalte verteilen. Die Adressen, bei denen angeklopft wird, wurden aufgrund neuartiger Algorithmen ausgewählt.

Ähnlich waren die Macronisten schon vor einem Jahr bei den Präsidentschaftswahlen vorgegangen. Mit dieser Wahlbefragung versucht Macron, potenzielle Proeuropäer zu mobilisieren und für sich zu gewinnen. Der Slogan der LRM-Europawahlkampagne steht schon fest: «Ein Europa bauen, das beschützt.» Eines, das auch die politische Stellung Macrons schützt.

Unausgesprochen verfolgte Macron mit seiner Strassburger Rede auch das Ziel, verstreute Euro-Parlamentarier in sein Lager zu holen. Um seine EU-Pläne durchzubringen, braucht er in Strassburg einen stärkeren parlamentarischen Rückhalt – im Klartext eine eigene Fraktion. Anders als in Frankreich, wo ihm das Majorzsystem bei den Parlamentswahlen vom Juni 2017 zu einer komfortablen Regierungsmehrheit verholfen hatte, droht Macron in Strassburg von den zwei Blöcken der Konservativen und der Sozialdemokraten aufgerieben zu werden.

Derzeit sind die Macronisten nicht einmal sicher, eine eigene Fraktion bilden zu können. Zentrumspolitiker anderer Länder anzuziehen, wird indes nicht leicht sein. Macrons Aura strahlt nur beschränkt über die Landesgrenzen hinaus. Spätestens seit Napoleon ist auch in Paris geläufig, dass es schwieriger ist, ganz Europa zu erobern als Frankreich.