Bis ins kleinste Detail perfekt choreographiert ziehen rund 12 000 Soldatinnen und Soldaten am Platz des Himmlischen Friedens in Pekings Innenstadt vorbei: In Blöcken formiert, allesamt in Reih und Glied und natürlich im Gleichschritt. Selbst das Wetter spielt mit. An den Tagen zuvor war der Himmel noch die meiste Zeit bewölkt und es regnete. Seit dem Vortag erstrahlt er aber blau. Und auch Pekings normalerweise von Smog geplagte Luft riecht an diesem Morgen frisch und sauber. Seit Wochen sind im gesamten Umland die Fabriken geschlossen, in weiten Teilen der Stadt herrscht Fahrverbot. Nichts soll die grosse Militärparade zum Jahrestag des Ende des Zweiten Weltkriegs vor 70 Jahren trüben.

Die Erfahrung von Krieg sorge dafür, dass die Menschen Frieden noch mehr zu schätzen wüssten, sagt Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping bei seiner Auftaktrede zu Beginn der Parade. Und er versichert: „China wird niemals die Tragödien zufügen, die es selbst erlitten hat.“ Sein Land werde auch nie eine Hegemonie anstreben. Die Parade bezeichnet er als „ein Zeichen des Friedens“.

Kleiner und schlagkräftiger

Was die Anwesenden auf der Tribüne anschliessend zu sehen bekommen, sieht jedoch alles andere als friedfertig aus. Zwar kündigt Präsident Xi in derselben Rede an, innerhalb der nächsten zwei Jahre, die Volksbefreiungsarmee von 2,3 Millionen Soldatinnen und Soldaten um 300.000 verkleinern zu wollen. Sie bleibt jedoch die grösste Armee der Welt. Sie soll kleiner und schlagkräftiger werden. Und das will sie auch an diesem Morgen demonstrieren.

Hunderte von Panzer fahren auf den Platz des Himmlischen Friedens zu – was bei vielen düstere Erinnerungen an die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung vor 26 Jahren wecken dürfte. Am Himmel fegen Dutzende von Düsenjäger über Pekings Innenstadt hinweg. Helikopter formieren in der Luft die Zahl 70. "Offiziell sollen die Feierlichkeiten dem Frieden gewidmet sein, tatsächlich aber demonstriert die Parade Chinas Aufstieg“, kritisiert Qiao Mu, Politologe an der Peking Universität für Auslandsstudien.

Waffen- und Propagandaschau

Die sicherlich auffälligste Rakete auf der Parade ist eine rund 30 Meter lange und drei Meter dicke Interkontinentalrakete mit der Bezeichnung DF-5B. Sie kann selbst Ziele im fernen Florida erreichen und damit fast alle Teile der Welt. Auf dem Höhepunkt ihrer Flugbahn teilt sie sich in drei Einzelraketen, die in mehrfacher Schallgeschwindigkeit ihre Ziele ansteuern. Und weil sie so schnell sind, kann die gegnerische Flugabwehr sie nur schwer erkennen. Jede Einzelrakete ist nuklear bestückbar.

Ebenfalls auf der Parade zeigte Chinas Armee eine DF vom Typ 21. Seit Jahren rätseln die USA, wie weit China bei der Entwicklung dieser ballistischen Superwaffe ist. Sie soll eine Geschwindigkeit von 12.000 Stundenkilometer haben und Ziele selbst in 1.500 Kilometern Entfernung punktgenau treffen können. Das würde reichen, um Flugzeugträger der USA abzuschiessen, die etwa Taiwan oder Japan beschützen wollen. Weil sie zugleich sich bewegende Ziele wie Kriegsschiffe oder Flugzeugträger ansteuern kann, trägt sie auch den Spitznamen "Flugzeugträger-Killer".

Nicht zuletzt aus diesem Grund sind die meisten Staatschef der wichtigen Industrie- und Schwellenländer Chinas Militärparade fern geblieben. Sie wollten nicht Teil einer grossen Propaganda-Show sein, mit der China seine neue militärische Stärke in der Welt demonstriert.

Stargast Putin

Als einer der wenigen stiegen zu Beginn der Feierlichkeiten lediglich Russlands Präsident Wladimir Putins an der Seite von Chinas Staatspräsident Xi Jinping die Treppen des berühmten Tores am Platz des Himmlischen Friedens empor. Seitdem die USA und die EU-Staaten die russische Führung für ihre völkerrechtswidrige Annektion der Krim meiden, übt Putin sich im Schulterschluss mit der Volksrepublik. Der chinesischen Führung kommt dies ebenso gelegen. Wegen anhaltender Menschenrechtsverstösse steht sie ihrerseits ständig unter Beschuss. Putin sei der angesehenste und ehrenhafteste Gast für das chinesische Volk, betonte im Vorfeld das chinesische Aussenministerium.

Doch entgegen allen Beteuerungen laufen die russisch-chinesischen Beziehungen derzeit alles andere als rund. Vor allem seitdem Russlands Wirtschaft nicht zuletzt im Zuge der Sanktionen des Westens eingebrochen ist, hat Chinas Interesse an den grossen Nachbarn ebenfalls nachgelassen.

Als Zeichen der Versöhnung an alle lässt das chinesische Militär zum Schluss der rund 70-minütigen Parade dennoch Tausende von Friedenstauben aufsteigen. Schliesslich handelte es sich um eine „Parade des Friedens“.