Über die ’Ndrangheta redet man nicht gerne in San Luca. Auch nicht in der kleinen Bar von Maurizio neben der Kirche im alten Dorfzentrum. Wenn man als Fremder das düstere Lokal betritt, werden alle Gespräche augenblicklich unterbrochen – und eine bedrückende Stille macht sich breit.

Es sitzen ausschliesslich ältere Männer an den billigen Tischen aus weissem und rotem Plastik; die meisten haben eine Flasche Bier vor sich. Als sich der Fremde danach erkundigt, ob man es in San Luca nicht leid sei, dass die Kleinstadt immer im gleichen Atemzug mit der ’Ndrangheta genannt werde, stehen die Männer wortlos auf und verlassen den Raum. Nur Barmann Maurizio, ein bulliger Mann um die sechzig, steht noch hinter dem Tresen und sagt entschuldigend: «Wissen Sie, wir haben schon genug Probleme hier.»

Tatsächlich wirkt San Luca auf erschreckende Weise arm, verlottert, rückständig. Der Ort mit seinen 4000 Einwohnern liegt zwar malerisch an einem besonnten Abhang des bis zu 2000 Meter hohen Aspromonte-Gebirges an der Südspitze von Kalabrien; vom Dorfplatz aus sieht man die Orangenplantagen in der Ebene und die Badeorte am Ionischen Meer.

Doch in San Luca selber dominieren schäbige, halbfertige Häuser und Betonskelette, die vor Jahrzehnten einmal ohne Baubewilligung begonnen und nie zu Ende gebaut wurden. Überall blättert der Putz, auch bei der Schule und beim Gemeindehaus. Die wenigen Dorfläden sind armselig und ungepflegt; verwahrloste Hunde und Katzen streunen durch die Gassen. Die Frauen blicken zu Boden, wenn sie einem Mann begegnen.

Killerkommando in Deutschland

San Luca ist, zusammen mit der Camorra-Hochburg Casal del Principe bei Neapel, in der italienischen Wahrnehmung das Mafia-Kaff schlechthin. Das kalabrische Bergdorf war 2007 im Zusammenhang mit dem Blutbad von Duisburg auch ausserhalb Italiens zu einem Begriff geworden. Vor zehn Jahren hatte ein Killerkommando in einer Pizzeria in der Innenstadt von Duisburg sechs Personen erschossen – sowohl die Täter als auch die Opfer stammten aus San Luca.

Die blutige Mafia-Abrechnung war der Höhepunkt einer jahrelangen Fehde zwischen den Clans der Nirta-Strangio-Familie und der Pelle-Vottari-Familie gewesen - einer Fehde, die 1991 wegen eines läppischen Eier-Wurfs während des Karnevals von San Luca begonnen hatte und die im Laufe der Jahre mit immer brutaleren Mitteln ausgetragen wurde.

Das Blutbad ist inzwischen juristisch aufgearbeitet; die Täter sitzen in Isolationshaft. Doch die Schatten der Schiesserei und die Namen der beteiligten Clans und zahlreicher anderer ’Ndrangheta-Familien lasten immer noch bleiern auf dem Ort. Fast jeder Einwohner in San Luca ist verwandt oder verschwägert mit einem mutmasslichen Mafioso; seit dem vergangenen März muss sich sogar der Priester, Don Pino Strangio, wegen Zugehörigkeit zur Mafia und zur Freimaurerei vor Gericht verantworten.

Don Pino möchte ebenfalls lieber nicht über die ’Ndrangheta reden. Im Juni wurde in San Luca der bisher letzte Clan-Boss des Ortes, Giuseppe Giorgi, verhaftet. Als er von den Beamten abgeführt wurde, warteten zahlreiche Einwohner vor seinem Haus, um dem Clanoberhaupt aus Ehrerbietung die Hand zu küssen.

Die Behörden von San Luca waren von den lokalen Mafia-Clans derart unterwandert, dass die Regierung in Rom den Gemeinderat im Jahr 2013 auflösen und einen Sonderkommissar einsetzen musste. Seither konnte halbwegs sichergestellt werden, dass die – wenigen – öffentlichen Aufträge der Gemeinde ordentlich ausgeschrieben und an «saubere» Unternehmen vergeben werden.

Im April wurde ein neuer Fussballplatz an die wenigen verbliebenen Jugendlichen übergeben – ein symbolträchtiger Akt, zu dem hohe Regierungsvertreter aus Rom, der kalabrische Anti-Mafia-Staatsanwalt Nicola Gratteri und der Ortsbischof aus der Diözese Locri angereist kamen. «Der neue Fussballplatz ist der Beweis, dass sich der Staat aus San Luca nicht verabschiedet hat», beteuerte die Staatssekretärin Elena Boschi bei dem Anlass.

Es herrscht das Gesetz der Mafia

Doch letztlich war es eben doch nur Symbolik. In San Luca regiert zwar seit 2013 ein Sonderkommissar, also die Staatsmacht, aber es herrscht noch immer das Gesetz der ’Ndrangheta. Das zeigt sich jeweils dann anschaulich, wenn Gemeindewahlen anstehen.

Im Jahr 2015, als der Kommissar wieder durch einen ordentlich gewählten Bürgermeister abgelöst werden sollte, meldete sich nur ein einziger Kandidat – und die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger blieb beim Wahltag zu Hause, womit die Wahl ungültig war und die Amtszeit des Kommissars verlängert wurde.

Anfang dieses Jahres, als erneut Gemeindewahlen anstanden, mochte überhaupt niemand mehr Bürgermeister von San Luca werden: Mehrere hundert Einwohner hatten Innenminister Marco Minniti stattdessen in einem Brief gebeten, das Mandat des Kommissars doch erneut zu verlängern: «Wir sind zufrieden mit der Arbeit des ,commissario’», hiess es in dem Schreiben.

«Dass sich keine Bürgerinnen und Bürger mehr finden, die sich in der Gemeindepolitik engagieren, liegt zum einen sicher an der Angst vor der Mafia», sagt ein Angestellter der Gemeindeverwaltung, der anonym bleiben will. «Doch noch grösser ist die Furcht vor der Anti-Mafia.» Denn: Wer in San Luca Gemeinderat werde, komme bei der Ausübung seines Amtes, ob er es wolle oder nicht, früher oder später in irgendeiner Form in Kontakt mit den Clans. Das lasse sich in San Luca nicht vermeiden.

«Gleichzeitig kann ein neugewählter Gemeinderat sicher sein, dass sein Telefon vom ersten Arbeitstag an von der Anti-Mafia-Staatsanwaltschaft abgehört wird – und so läuft er Gefahr, dass er nach kurzer Zeit verhaftet wird und wegen Begünstigung der Mafia für mehrere Jahre ins Gefängnis wandert, obwohl er wahrscheinlich nichts Illegales getan hat», betont der Gemeindeangestellte.

So sei es fast unmöglich, noch Kandidaten für politische Ämter zu finden. und Bürger als auch der Staat mit der Zwangsverwaltung durch einen Sonderkommissar abgefunden haben, ist letztlich eine Bankrotterklärung. Und San Luca ist kein Einzelfall.

In Kalabrien werden Dutzende von Gemeinden von einem «commissario» geleitet; dennoch ist die Macht der Clans ungebrochen. Verhaftungen von Politikern und Funktionären der übergeordneten Provinz- und Regionalbehörden belegen, dass keine Institution immun ist gegen die Infiltration durch die ’Ndrangheta.

Und wenn sich ein mutiger Politiker einmal ernsthaft gegen die Macht der Bosse stemmt, riskiert er sein Leben - so wie der damalige Vizepräsident der Region Kalabrien, Francesco Fortunato, der 2005 in Locri in einem Wahllokal vor den Augen seiner entsetzten Mitbürger von einem Killer der Clans kaltblütig erschossen wurde.

Die ’Ndrangheta ist in den letzten Jahren zur gefährlichsten und mächtigsten Mafia-Organisation Europas aufgestiegen; mit Drogen- und Waffenhandel, mit Prostitution und Glückspiel, mit Schutzgelderpressung und Geldwäscherei setzt sie jedes Jahr weltweit rund 60 Milliarden Euro um – fast das Doppelte des Bruttosozialprodukts von Kalabrien.

Ihre Gewinne investiert sie nicht in der armen Heimatregion, sondern in Norditalien, in Deutschland, in der Schweiz, in den USA, in Australien – ihre Tentakel reichen fast in jeden Finanzplatz des Globus. «Aber trotz ihren Ablegern in Norditalien und in der ganzen Welt ist der ,Kopf’ der ’Ndrangheta in den Bergtälern und Flussläufen des Aspromonte um San Luca geblieben.

Dort werden immer noch die wichtigen Entscheide getroffen, dort wird über Verräter zu Gerichte gesessen, und dort können sich die Mitglieder verstecken, wenn es nötig ist», schreiben der Staatsanwalt Nicola Gratteri und der Autor Antonio Nicaso in ihrem seinem Buch «Dire e non dire» (Sagen und nicht sagen) über die «zehn Gebote der ’Ndrangheta».

Vom Staat erwarten sie nichts

«Die Macht der ’Ndrangheta in Kalabrien liegt nicht zuletzt darin begründet, dass viele Kalabrier selber ein gespanntes Verhältnis zum Staat haben; manche sehen in ihm gar den Ursprung allen Übels», betont die Anthropologin und Anti-Mafia-Aktivistin Chiara Tommasello in Reggio Calabria. Das sei ein «idealer Humus für den Anti-Staat, den die ’Ndrangheta letztlich darstellt».

Hinzu komme, dass die Mafia in diesen armen Gegenden oft die einzige Organisation sei, die den arbeitslosen Jugendlichen eine Arbeit vermitteln könne – entweder in Form von kriminellen Aktivitäten wie Drogenhandel oder Schutzgelderpressung, oder auch legal und schlecht bezahlt in den von ihr kontrollierten Betrieben. Von dem weitestgehend abwesenden Staat erwarteten viele Kalabrier keine Hilfe mehr, sagt Chiara Tommasello. Im gottverlassenen San Luca schon gar nicht.