Nachruf

Helmut Schmidt ist tot: «Willen braucht man. Und Zigaretten»

Rauchverbote kümmerten den Altkanzler auch im hohen Alter wenig.

Rauchverbote kümmerten den Altkanzler auch im hohen Alter wenig.

Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt ist am Dienstag 96-jährig gestorben. Bis zuletzt kommentierte der starke Raucher das Weltgeschehen. Seine Kanzlerschaft war geprägt durch den Terror der RAF.

„Was nachbleibt sind Moleküle. Und aus denen entsteht neues Leben. Zum Beispiel in Gestalt von Unkräutern auf Wiesen (…).Nichts geht wirklich verloren. Und das finde ich eine tröstliche Vorstellung.“
Helmut Schmidt in einer TV-Dokumentation 2013

Helmut Schmidt ist tot. Er starb am Dienstag im Alter von 96 Jahren in seinem Haus in Hamburg. Der ehemalige Kanzler der Bundesrepublik Deutschland (1974 bis 1982) hatte zuletzt wegen eines Infektes hohes Fieber. Schmidts Popularität und Beliebtheit war gigantisch. 2008 wählten ihn die Deutschen zum „coolsten Kerl Deutschlands“, im Dezember 2013 hievte ihn eine Mehrheit auf den ersten Rang bei der Frage nach den bedeutendsten Bundeskanzlern der Geschichte – noch vor dem ersten Kanzler Konrad Adenauer, „Einheitskanzler“ Helmut Kohl oder dem ersten SPD-Kanzler Willy Brandt.

Beliebt wurde er erst später

Diese Beliebtheit wurde dem 1946 der SPD beigetretenen Ökonomen allerdings erst viele Jahre nach seinem Abgang von der politischen Bühne zuteil. Während seiner Kanzlerschaft und in seiner politischen Tätigkeit zuvor – Schmidt führte die SPD-Bundestagsfraktion und war in der Regierung Willy Brandts Verteidigungs- und später Wirtschaftsminister – galt Schmidt als eher arrogant und intellektuell-abgehoben. Erst Jahrzehnte nach seiner Kanzlerschaft schaffte es der Mitherausgeber der „Die Zeit“ zur Ikone. Eingeladen in Talkshows und zu Diskussionsabenden analysierte Schmidt messerscharf und durchaus provokativ das Weltgeschehen. Die multikulturelle Gesellschaft bezeichnete er als „eine Illusion von Intellektuellen“, den Atomausstieg als ebenso falsch wie der Umgang des Westens mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in der jüngsten Ukraine-Krise. Auch in seiner Partei hatte Schmidts Wort bis zuletzt hohes Gewicht. So machte er sich 2012 für eine Kanzlerkandidatur von Peer Steinbrück stark. Der passionierte Zigarettenraucher liess sich bei öffentlichen Auftritten selbst von strikten Rauchverboten nicht von seiner Leidenschaft abbringen und griff auch bei Talkshows im Fernsehstudio gern und oft zur Zigarette. „Willen braucht man. Und Zigaretten“, sinnierte der scharfzüngige Altkanzler schon vor einigen Jahren.

Standhaft im „Deutschen Herbst“

Geprägt war Schmidts Kanzlerschaft durch die Ölkrise, die Vorbereitung auf ein europäisches Währungssystem und den Nato-Doppelbeschluss. Vor allem aber fiel in die Regierungszeit des Hamburgers der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF). Schmidt ging auf die Erpressungsversuche RAF im Herbst 1977 nicht ein. Die linksradikale RAF entführte im September 1977 Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, zeitgleich wurde durch die mit der RAF befreundete palästinensische Terrorgruppe „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ die Lufthansa-Maschine „Landshut“ gekidnappt. Mit der Entführung des mit 86 Passagieren besetzten Flugzeuges und des Arbeitgeberpräsidenten, der wegen seiner Vergangenheit in der Waffen-SS ins Visier der Linksterroristen geraten ist, sollten mehrere Mitglieder der ersten Generation der RAF aus deutschen Gefängnissen freigepresst werden. Die Regierung Schmidt ging auf die Forderung nicht ein, die „Landshut“ wurde erfolgreich und ohne zivile Opfer befreit, Schleyer von der RAF ermordet. „Alles, was wir im Falle Schleyer getan haben, war unvermeidlich richtig. Es gibt im Laufe des Lebens Stationen, in denen man sich zwischen zwei unerträglichen Übeln entscheiden muss“, sagte Schmidt 2013. Die Witwe Schleyers machte Schmidt für den Tod ihres Mannes verantwortlich. Doch Schmidt wollte den Fehler von 1975 nicht wiederholen. Damals war der CDU-Politiker Peter Lorenz von der linksradikalen „Bewegung 2. Juni“ entführt worden. Schmidt, den damals hohes Fieber ausser Gefecht gesetzt hatte, schloss sich der Bewertung seines Krisenstabes, in dem auch der spätere Kanzler Helmut Kohl vertreten war, unwidersprochen an. Die deutsche Regierung ging auf die Forderung der Entführer auf Freilassung gefangener Gesinnungsgenossen im Tausch mit der Geisel ein. Einige der freigelassenen Gefangengen waren später an der Ermordung politischer Gegner beteiligt. Schmidt selbst hat dieses Vorgehen im Nachhinein als kapitalen Fehler bezeichnet.

68 Jahre verheiratet

1982 wurde Schmidt nach einem Streit mit dem Koalitionspartner FDP durch ein konstruktives Misstrauensvotum mit Stimmen der Union und der FDP als Bundeskanzler abgesetzt, es begann die 16 Jahre dauernde Ära von CDU-Kanzler Helmut Kohl. Der begabte Pianist schied 1986 aus dem Bundestag aus, nur sporadisch tauchte er auf SPD-Parteitagen auf. Schmidt war von 1942 bis zu ihrem Tod 68 Jahre lang mit Hannelore Glaser, genannt „Loki“ verheiratet. Aus der Ehe ist eine Tochter hervorgegangen, der erstgeborene Sohn starb noch vor seinem ersten Geburtstag. 2012 gab Schmidt bekannt, dass er eine neue Lebensgefährtin, seine ehemalige Mitarbeiterin Ruth Loah, habe. „Sie hat mich wieder zu einem normalen Menschen gemacht“, sagte Schmidt.

Der renommierte „Spiegel“-Autor und Mitgründer der Berliner Tageszeitung (TAZ), Michael Sontheimer, lernte den Altkanzler während seiner Zeit als Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ in den 80er Jahren kennen. Sitzungen des Polit-Ressorts, an denen der Altkanzler teilgenommen hatte, beschreibt Sontheimer als besonders lebhaft. „Er sagte klar, manchmal auch drastisch seine Meinung“, erinnert sich der 60-Jähriger. Als die Redakteure nach dem Fall der Mauer darüber debattierten, ob man die durch Egon Krenz geführte DDR journalistisch in einem Reformprozess unterstützen solle, schlug der zuvor schweigsam dasitzende Schmidt mit beiden Händen auf den Sitzungstisch und polterte: „Keine Mark für diese Arschlöcher!“

„Geachtet, aber nicht geliebt“

Schmidts Bedeutung als Kanzler wird heute allerdings überschätzt, resümiert Sontheimer. „Die grossen Kanzler waren Adenauer, Brandt, Kohl und jetzt Merkel, sicher nicht Helmut Schmidt. Er war kein grosser Kanzler.“ Wenn die Westdeutschen nach dem Krieg einen Kanzler geliebt haben, dann war dies Willy Brandt, der das Utopisch-Idealistische in die Politik der Bundesrepublik eingebracht hatte, so der Historiker. „Schmidt war ein geachteter, aber nicht geliebter Kanzler. Schmidt war der Krisenmanager, der anti-ideologische Macher und Pragmatiker, der in Extremsituationen stets die Nerven behielt. Und damit war er der heutigen Kanzlerin Angela Merkel auf eine Art sogar sehr ähnlich.“ Dass Schmidt heute populärer sei als der 16 Jahre lang amtierende Helmut Kohl, liege nicht zuletzt an den intellektuellen Fähigkeiten und zugleich an der menschlichen Art des SPD-Politikers. „Schmidt war eine Kapazität. Im Gegensatz zu Kohl verstand er auch etwas von Wirtschaft.“ Zudem zeichnete Schmidt eine „durchaus bissige Formulierungsgabe“ aus, nicht zuletzt habe er Zeit seines Lebens „vollkommen ehrlich und untaktisch“ agiert. Zugleich offenbarte der Pragmatiker eine offenkundige Schwäche, „weil dieser vernünftige Mensch es einfach nicht geschafft hat, von seinen Zigaretten zu lassen. Das machte ihn so erfrischend und bei den Menschen beliebt, weil die Gesellschaft Politiker ansonsten anders wahrnimmt.“ Schmidt, kein dogmatischer Linker, begünstigte durch seine Haltung bei Rüstung und Atomenergie letztlich die Gründung der Grünen Partei in Deutschland.

Wutausbrüche, Wutreden und viele Zigaretten: Best-of Helmut Schmidt.

Wutausbrüche, Wutreden und viele Zigaretten: Best-of Helmut Schmidt.

Schmidt und der Nazi-Vorwurf

2014 geriet Schmidt durch das Buch „Helmut Schmidt und der Scheisskrieg“ der Journalistin Sabine Pamperrien negativ in die Schlagzeilen. Bislang unbekannte Wehrmachtsakten sollen belegen, dass der ehemalige Offizier die nationalsozialistische Idee aktiv unterstützt habe. Schmidt wies diese Behauptung bis zu seinem Tode stets zurück. Rückschläge und Wirbel um seine Person haben den zweiten SPD-Kanzler Deutschlands nicht aus dem Tritt gebracht. „Mir hat im Leben eigentlich immer die Gelassenheit geholfen“, sagte er vor wenigen Jahren. „Ich glaube nicht an den Gott, ich glaube nicht ans Nirwana, ich glaube an die Ratio. Und ich glaube an das Gewissen des einzelnen Menschen.“ Das wichtigste im Leben sei, dass er sich niemals Vorwürfe zu machen brauche „wegen eines unanständigen Verhaltens“, sagte Schmidt vor zwei Jahren. Er spüre das Alter, vergesse schneller, höre nicht mehr gut. „Aber“, schloss der Altkanzler und griff zur Zigarettenschachtel: „Die Zigarette schmeckt mir noch immer.“

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