In einem von vielen Beobachtern als verklausulierte Kampfansage gewerteten Zeitungsartikel warnte Aussenminister Boris Johnson die Regierungschefin vor übermässigen Zugeständnissen an Brüssel. Von Mays Verbündeten musste sich der EU-Feind daraufhin Illoyalität vorwerfen lassen; zudem werteten Parteifreunde die Intervention weniger als 24 Stunden nach dem Terroranschlag von Parsons Green als Geschmacklosigkeit.

Eigens für Mays Rede und auf Bitten der britischen Seite wurde die nächste Runde der Brexit-Verhandlungen um eine Woche verschoben. Offenbar will die Premierministerin bei ihrem Auftritt am Freitag in Florenz bei einigen der strittigen Fragen Kompromissbereitschaft zeigen. So heisst es in London, die 60-Jährige werde erstmals für die bis zu dreijährige Übergangsfrist, während der die Insel weiterhin Binnenmarkt und Zollunion angehören will, Zahlungen in den EU-Haushalt zusichern. Zwar sollen keine konkreten Zahlen genannt werden; in Rede steht aber ein jährlicher Betrag von rund 10 Milliarden Euro.

Unklare Verhältnisse

Zukünftige Zahlungen an Brüssel gehören zu den bisherigen Themen der Brexit-Verhandlungen, deren jüngste Runde Ende August bis auf Detailfragen ergebnislos endete. Unklar bleibt der zukünftige Status von bis zu vier Millionen EU-Bürgern in Grossbritannien sowie rund einer Million Briten auf dem Kontinent und die zukünftige Landgrenze zwischen Nordirland und der Republik im Süden der Grünen Insel.

Mit ihrem eigenen Entgegenkommen glaubt May die Kompromissbereitschaft der 27 verbleibenden EU-Mitglieder anregen zu können. Diese müssen bei einem Gipfel im Oktober darüber beraten, ob das bisherige Mandat für EU-Verhandler Michel Barnier so erweitert wird, dass Gespräche über die zukünftigen Handelsbeziehungen zwischen Insel und Kontinent möglich werden. Allerdings hat der irische Premierminister Leo Varadkar in jüngsten Interviews durchblicken lassen, er werde Gesprächen über andere Themen nicht zustimmen, solange die Briten das Irland-Problem nicht gelöst hätten.

In seiner seitenlangen «Brexit-Vision» im Daily Telegraph hat EU-Feind Johnson für Irland nicht ein einziges Wort übrig. Hingegen lobt er die Innovationsfreude und Zukunftsfähigkeit seines Landes, dessen wachsende Einwohnerzahl, vor allem unter ethnischen Minderheiten, Grossbritannien Mitte dieses Jahrhunderts zum bevölkerungsreichsten Land Europas machen werde. Kritisch äussert sich der frühere Londoner Bürgermeister in Anspielung auf jüngste Demonstrationen, bei denen Zehntausende für den EU-Verbleib der Insel demonstrierten, über «junge Leute, die sich die Sterne der Europafahne ins Gesicht malen». Er mache sich Sorgen darüber, wenn die Bürger «gespaltene Loyalitäten» empfinden würden. «Man muss kein fanatischer Nationalist sein, um das besorgniserregend zu finden.»

Kabinett «hinter May»

Innenministerin Amber Rudd beschuldigte in der BBC den Ministerkollegen, er wolle offenbar den Brexit-Prozess «vom Beifahrersitz aus» steuern. In Wahrheit sitze aber Theresa May am Steuer, «und das Kabinett steht hinter ihr». Vize-Premier Damian Green schloss sich in weiteren Medienauftritten der Kritik an. Die schottische Tory-Chefin Ruth Davidson nahm sich Johnson wegen seines Timings zur Brust: Einen Tag nach dem Terroranschlag hätten dessen Thesen in der Zeitung nichts verloren.

Der Aussenminister erhielt für seine verkappte Bewerbungsschrift um den Tory-Vorsitz nicht nur von Parteifeinden scharfe Kritik. Er sei «überrascht und enttäuscht» darüber, dass der Politiker wie schon im Referendumskampf die Zahl «350 Millionen Pfund pro Woche» als britischer EU-Beitrag verwendet habe, schrieb der Leiter der staatlichen Statistikbehörde in einem am Sonntag veröffentlichten Brief. Nicht nur verwechsle Johnson brutto und netto; er verschweige auch, dass die Summe erhebliche Beiträge für die britische Wissenschaft und Landwirtschaft enthält. «Es handelt sich um eindeutigen Missbrauch offizieller Statistiken», teilte David Norgrove mit.